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Ein rotes Sofa oder vom Suchen und Finden deiner Berufung

Zu Studienzeiten hatte ich ein rotes Sofa. Ich nannte es mein Therapeutensofa. Ich stellte mir vor, wie ich auf diesem Sofa irgendwann Menschen beraten würde. Eigentlich nur eine Träumerei, da ich ja eigentlich Wirtschaftpädagogik studierte und damals noch keinen Zusammenhang sah. Dennoch war da eine Leidenschaft, die ich schon in Teenagerjahren in Form von sogenannten Bettkantengesprächen mit meinen Mädels lebte, wobei der Pulvercappuccino nie fehlen durfte. Heute ist diese Passion mein Beruf. Kein notwendiges Übel, um Geld zu verdienen, sondern meine Berufung, die mich zutiefst glücklich macht.

Was ich dabei gelernt habe? Dass das Suchen und Finden zuweilen einer Wanderung ähnelt, weniger einer Einkehr in die gute Stube, als einer Exkursion durch den morgendlichen Nebel. Hinweisschilder? Ja, wenn wir bewusst hinsehen, in Form von Synchronizitäten und Zeichen des Universums. Vielmehr aber war ich angewiesen auf meinen Instinkt, meine Wachsamkeit und Neugier. Hindernde Blockaden? Oh ja, manchmal auch das. Aber es lohnt sich, diesen Weg einzuschlagen.

Wenn du auf diesen Artikel gestoßen bist, bist du selbst höchstwahrscheinlich auch auf der Suche nach deiner Berufung und befindest dich damit gerade inmitten einer wunderbaren Liebesbeziehung mit deinem Leben. Diese ist vielleicht turbulent, rüttelt Verborgenes und Sehnsüchte wach, ist anstrengend oder gar angsteinflößend, dennoch ist sie faszinierend, aufregend und voller Schönheit, denn sie impliziert etwas. Und zwar ein JA an dich und dein Leben.

Und diesem Ja wohnt eine einzigartige Aufgabe inne: dich näher an das zu führen, was du wirklich willst und zu erkennen, wer du wirklich bist. Aber jetzt, lass deine Berufung sprechen und besinn dich, unplugged.

Designe deine berufliche Landkarte

1. Vorbereitung

Einer der wichtigsten Erkenntnisse, wenn es um das Suchen und Finden der eigenen Berufung geht, ist folgendes:

Die Berufungsfindung ist kein punktuelles Ereignis, sondern ein Prozess,

der sich über viele Jahre erstrecken kann und sich wiedergespiegelt,

in der Geschichte deines Lebens.

Mal deine Geschichte auf. In Form einer Landkarte. Berücksichtige alle Täler, Schluchten, Windungen, Schlingen, Hindernisse und Berggipfel. Begib dich auf Spurensuche. Wo stehst du? Was hast du beruflich alles gemacht. Notiere auch die vermeintlichen Kleinigkeiten, Ferienjobs und Hobbies im Kindes- und Jugendalter. Sie scheinen vielleicht nebensächlich, tatsächlich aber, ist jede der Stationen für sich wertvoll und eine wesentliche Etappe deiner Entwicklung. Jede einzelne ist Teil des großen Ganzen. Und im Zusammenspiel aller, liegt deine Berufung.

Überlege dann, wie dich die einzelnen Stationen geprägt haben, welche Fähigkeiten du erlangt hast und welche Menschen dich inspiriert haben. Wichtig ist, die Stationen separat zu betrachten und deine Landkarte um deine Erkenntnisse zu ergänzen.

 

Lass deiner Kreativität freien Lauf. Male deine Landkarte bunt oder Schwarz Weiß, setze Bilder ein, nutze verschiedene Materialen z.B. Fäden für die Darstellung der Verknüpfungen und Wege. Ob klein oder gleich die große Variante, ist dir überlassen. Ich persönlich bevorzuge Letzteres, und zwar visuell an einer Zimmerwand. So lässt sich das Porträt nicht nur wunderbar erweitern, sondern aus verschiedenen Blickwinkeln und Haltungen betrachten.

Vielleicht ergibt deine Landkarte an diesem Punkt noch kein stimmiges Bild. Das ist nicht schlimm. Denn alles beginnt mit dem ersten Schritt. Und während du dein Leben reflektierst und Ideen sammelst, setzt du dich bereits in Bewegung.

2. Folge deiner Freude

Betrachte dein Lebensporträt und frage dich, welche der beruflichen Stationen dir wirklich Spaß gemacht haben und warum. War es die Arbeit im Team? Oder hattest du besonders viel Freude, weil du etwas selbstständig erarbeiten konntest oder dir die Verantwortung bzw. Leitung übertragen wurde? Vielleicht war es auch die Tatsache, dass du dir deine Zeit frei einteilen konntest oder dich in einem kreativen Projekt verloren hast. Oder aber, es war ein bestimmtes Thema, das dich besonders interessiert hat.

Gehe auch ins Jetzt. Wofür brennst du? Was ist es, dass die Zeit um dich herum verfliegen lässt? In welchen Momenten schreist du: „Her damit! Ich mache das.“ Für welche Tätigkeiten hast du die meiste Geduld und Leidenschaft? Was lässt dich morgens aus dem Bett springen? Was sind die kleinen Dinge des Alltags, die dir Freude bereiten?

Frage dich auch, wann du etwas im Job zurückgestellt hast und was dir keine Freude bereitet hat. Was kostet dich heute viel Mühe und Kraft und zerrt an deiner Energie?

Notiere alles, was dir einfällt und pinn es an deine Karte. Ob direkt an die einzelnen Meilensteine oder an einen gesonderten Platz, ist dir überlassen. Deine Karte ist dein Arbeitsplatz und damit dein Schauplatz für Antworten.

Die Wanderung auf deiner Landkarte wird dich mit vielen Abenteuern konfrontieren. Sie schenkt dir wechselnde Landschaften und mit dem Loslassen alter Themen schenkt sie dir gleichzeitig neue Pfade. Das ist unheimlich spannend, denn du trittst mit dir selbst in Kontakt. Schließlich konfrontiert dich dieser spezielle Fokus mit essentiellen Fragen: Was genau bereitet mir Freude? Was raubt mir Energie? Was finde ich langweilig, was spannend? Was ist mir in meinem Job wichtig.

3. Mit deinen Talenten sehen

Ein Talent ist etwas, dass du gut kannst. Ohne große Mühe, sondern mit Leichtigkeit. Eine individuelle Fähigkeit, keine Leistung. Vielmehr eine Gabe mit der sich eine bestimmte Leistung vollbringen lässt – so formulierte es bereits der Begabungsforscher William Stern im Jahre 1916.

Ich bin der Meinung, dass jeder von uns über ganz wunderbare Talente verfügt. Häufig erkennen wir sie nicht, da wir uns zu sehr auf unsere Schwächen konzentrieren. Auf das, was nicht gut oder falsch läuft. Wir folgen dabei einer Denkweise, die den Fokus auf Defizite legt und nicht auf Möglichkeiten und Potentiale. Wir wollen ständig etwas reparieren, dass nicht zu funktionieren scheint. Schwimmen gegen den Strom. Wie viel Energie aber wenden wir auf, schwimmen wir gegen die Strömung, anstatt sie für uns zu nutzen? Wie schlecht fühlen wir uns, wenn es nicht gelingt.

Also, schauen wir doch viel lieber auf unsere Talente, auf das, was uns Freude bereitet und wir sinnvoll finden. Auf die Dinge, die uns mühelos gelingen und mühelos gelungen sind. Auf all das, was uns ausmacht, ohne uns dabei mit anderen zu vergleichen.

Die Klarheit liegt dabei in den Feinheiten. Schau bewusst hin. Achte auf Kleinigkeiten. So entdeckst du etwas, was dir vielleicht vorher noch nie aufgefallen ist. Frage dich, was dich ausmacht? Welche Rolle du in deinem Freundeskreis oder in deiner Familie übernimmst? Obliegt dir stets die Organisation von Feiern? Bringst du alle zusammen? Wann wenden sich deine Kollegen an dich, weil du es besonders gut kannst? Suche nach positiven Eigenschaften, die dich bereits als Kind charakterisiert haben. Frage deine Liebsten, vielleicht auch Kollegen, was ihnen spontan zu dir einfällt und was sie an dir schätzen.

Und denke immer daran, deine Talente sind so unverwechselbar wie du selbst! Sie wurden dir gegeben, um sie zu teilen. Das nicht zu tun, macht keinen Sinn.

4. Der Kreis schließt sich – deine Ansprüche an einen soul-fullfilling Job

Viele verbinden das Wort Berufung mit dem Begriff Traumjob. Ist es auch, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Arbeitszeit, Ort, Verantwortungslevel, Leistungsanspruch, Philosophie und Werte der Firma, angestellt oder lieber selbstständig, sind Fragen, die du dir stellen solltest. Warum? Weil eine Tätigkeit, die wir lieben, durch Umstände, die für uns unangenehm oder gar unzumutbar sind, zum soul-sucking Job werden kann. Anstatt c’est bon heißt es dann Ade, und die Enttäuschung ist groß.

Das muss nicht sein. Frage dich, was dir wichtig ist und zu deiner Lebensvision passt. Denn je besser du dich, deine Bedürfnisse und Ansprüche kennst, desto mehr Erfüllung und Sinn wirst du in deiner Arbeit finden. Und obendrein übernimmst du Verantwortung – für dich und dein Wohlergehen.

Schenke auch hier den einzelnen Stationen Aufmerksamkeit und Raum. Durchwandere sie und evaluiere, was zu dir, deiner Persönlichkeit und deiner Lebensvision passt. Ergänze dein Porträt mit deinen Erkenntnissen.

Die Erkenntnis

Sammle deine Erkenntnisse Stück für Stück. Du musst sie nicht alle an einem Tag aufspüren. Komm zur Ruhe. Schau auf dein Porträt. Lass es wirken. Komm zurück, wann immer du magst.

Zeichne deine Erkenntnis als neuen Pfad an deine Landkarte. Er startet im Jetzt in die Zukunft hinein, ist Ende dieser Reise und neuer Anfang zugleich. Wenn du magst, unterlege auch diesen Weg mit Bildern und Wörtern, die dich ansprechen, inspirieren und das widerspiegeln, was du dir tief im Innersten wünschst.

Vielleicht erkennst du, dass du deine Berufung bereits lebst, nur die Umstände stimmen nicht oder es fehlt etwas. Oft ist es nämlich nicht der Beruf an sich, sondern die Schwierigkeiten liegen woanders. Das mag zunächst verwirrend klingen, jedoch steckt vielleicht gerade dahinter die Möglichkeit der Veränderung. Mehr Gedanken dazu findest du in meinem Blogartikel „Lebst du deine Berufung?“.

Und wisse: Du musst den Weg nicht alleine gehen.

Zu oft machen wir essentielle Lebensfragen mit uns allein aus. Dies kann sehr müßig, langwierig und kräftezehrend sein. Zu selten trauen wir uns zu fragen: Wer kennt den Weg? Wer ist ihn bereits gegangen? Wer kennt sich mit Berufen und Berufsfeldern aus? Wer kann mir helfen? Es lohnt sich, auf diese Menschen zuzugehen und sie um Rat zu fragen.

Coaches und Berater sind an dieser Stelle eine großartige Möglichkeit, sich und seine Ziele besser kennenzulernen. Anders als bei Gesprächen mit Freunden oder Familienangehörigen, liegt der Fokus klar auf der Lösungsfindung. Das sage ich nicht als Coach. Vielmehr deswegen, weil ich selbst seit Jahren mit Coaches und Beratern arbeite, von ihnen lerne, durch sie wachse und die dadurch in Gang gesetzten Prozesse als unheimlich wertvoll empfinde.

Gute Coaches bereichern und geben wertvolle Impulse.

Bin ich nun am Ziel?

Bedingt. Um herauszufinden, ob die Idee von deiner Berufung in der Praxis tatsächlich deinen Vorstellungen entspricht, gibt es nur eine Möglichkeit: probiere es aus! Hegst du schon seit Jahren den Wunsch ein Café zu eröffnen, erkundige dich in deinem Lieblingscafé nach der Möglichkeit eines Praktikums. Sprich mit Leuten, die selbst den Weg gegangen sind und erfolgreich ein Café führen. Liebst du Autos, willst an ihnen herum schrauben, sie reparieren und überlegst, in diesen Bereich umzusatteln? Frag in einer KFZ Werkstatt nach. Du willst beraten? Plaudere mit Menschen, die es machen. Nur auf diese Weise erfährst du, ob deine Vorstellung wirklich deine Berufung ist.

Und ist sie es nicht, sei trotzdem stolz. Schließlich schaust du in den Spiegel der Selbsterkenntnis. Zu erkennen, was du willst und was du nicht willst, was dich zu der Frau gemacht hat, die du heute bist, ist eine wunderbare Erfahrung. Sie ermöglicht, noch authentischer zu sein, noch neugieriger. Und die Wahrheit ist: Der Weg ist das Ziel. Das erkannte schon Konfuzius. Dinge entwickeln sich, auf unserem Weg. Manchmal brauchen sie Zeit, brauchen wir Zeit, um für unsere Berufung bereit zu sein.

Und was mich betrifft, so ist mein rotes Sofa mittlerweile verkauft. Und wie du siehst, hat sich alles gefügt. Und zwar dann, als ich anfing zu verstehen, dass ich mir und meinen Fähigkeiten vertrauen muss. Als ich lernte, dass man dem Fluss des Lebens trauen darf und die Kraft der Gedanken, Unmögliches möglich werden lässt. Als ich eine feste Entscheidung traf. Und dann? Dann schloss sich der Kreis und bei genauem Hinsehen, lag das Gute lag so nah. In den Meilensteinen meines Lebens, die mich vorbereitet und mir den Weg geebnet haben. Mit Erfahrungen, Kenntnissen und den richtigen Menschen.

Aber ich bin nicht am Ende. Denn ich denke, dass der Berufungsfindungsprozess nie endet, sondern wir uns täglich weiterentwickeln. Das gestern Gesagte, kann heute bereits nichtig und unwichtig sein. Dennoch ist es Teil unserer Entwicklung, die stattfindet, an jedem einzelnen Tag.

 

Photo by Dan Gold on Unsplash