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Unruhe und Stress im Urlaub – Entspannung wo bist du?

La Vita è Bella.

Wer denkt bei diesem Satz nicht sofort an den italienischen Lebensstil – an Cappuccino und Spaghetti, Vino und Romantik. Bella Italia, und ich mitten drin.

Ich hätte mir keinen schöneren Ort als die majestätische Amalfiküste vorstellen können, an der ich einen Teil meines Urlaubs verbringe. Der größte Luxus dabei? Die freie Zeit. Keine Termine, keine to do Liste! Dolce far niente eben, was so viel heißt wie das süße Nichtstun. Ein Satz, der mich sofort an Elizabeth Gilberts Romanverfilmung „Eat, Pray, Love“ denken lässt. Und das nicht nur, weil sich das Buch in die Top10 meiner Roman Favoriten reiht. Vielmehr, weil der Satz einer Szenerie des Buches entstammt, die die Problematik des Müßiggangs nicht schöner hätte darstellen können.

So findet sich die Romanheldin Liz mit ihren Freunden in einem italienischen Barber Shop wieder. Während ihr Freund Luca Spaghetti sichtlich die Klaviatur der italienischen Lebenskunst beherrscht, fühlt sich Liz schuldig, sich der Hingabe des Genusses ergeben zu haben – schließlich bestanden ihre letzten Wochen nur aus Essen und dem Lernen italienischer Vokabeln.

Kommt euch bekannt vor? Mir auch. Während mein Bikini und ich nämlich eine sehr enge Beziehung pflegen und die Komplexität des Alltags sofort schwindet, hinkt der Urlaub im Kopf ganz ungeniert hinterher. Aber warum?

Während wir Menschen den Müßiggang zwar instinktiv begehren, können viele von uns nur schwer damit umgehen. Wir haben es verlernt, zu genießen. Spüren permanent den Druck, etwas Sinnvolles zu tun. Fühlen eine innere Leere, wenn wir nichts tun. Sind unruhig.

 

Woher kommt dieses Gefühl?

Im Urlaub schwinden die täglichen Ansprüche. Wir verlassen unsere Routine, spüren weniger Stress und Fremdbestimmung. Dies widerspricht allerdings dem in der Gesellschaft stetig zunehmenden Leistungsdruck, der dazu führt, uns und unser Leben ständig optimieren zu wollen. Zudem sind unsere Tage zumeist sehr durchgeplant, wobei sich diese Taktung in unser Unterbewusstsein eingeprägt hat und sich in unbewussten Verhaltensweisen äußert. Entsprechend versuchen wir, so viel wie möglich in die Urlaubszeit hineinzupacken.

 

Wir fühlen uns getrieben

Im Urlaub wird die Muße-Zeit damit zum Raum für Stress. Anstatt am Strand zu liegen und das Nichtstun zu genießen, werden viele von uns zu „Urlaubstresslern“. Dies beginnt bereits am Morgen. Schließlich MÜSSEN wir pünktlich aufstehen, um das Frühstück im Hotel auch ja nicht zu verpassen. Weiter geht es mit der Liege am Strand. Pünktlich sein ist auch hier die Devise. Ansonsten verlieren wir den bitteren Kampf der Liegenjäger. Nicht zu vergessen: die Sehenswürdigkeiten. Das Credo „Mitreden können“. Sich in Kunst und Kultur auskennen. Vor Monumenten posieren. Fotos schießen. Bearbeiten. Bei Instagram hochladen. Dann endlich, der verdiente Urlaubsfeierabend. Die Frage „Wo essen wir?“. Recherche bei Tripadvisor nach dem besten Restaurant und bitteschön mit außergewöhnlicher Aussicht. Endlich angekommen, müssen wir aber auch schon wieder los. Wir verzichten auf die ausgelassene Party, den Spaziergang in der Nacht, das letzte Glas Wein am Strand. Schließlich wollen wir uns ausruhen und dazu benötigen wir genügend Schlaf, der seine Grenzen hat, denn das Frühstück im Hotel wartet ja auch schon wieder und wir wollen es auf keinen Fall verpassen.

Während wir also Dingen hinterherjagen und ständig damit beschäftigt sind, anderen vom Zauber unseres „Urlaubs“ zu berichten, anstatt diesen selbst zu fühlen, kontrastiert der Wunsch zu genießen mit der Fähigkeit, es tatsächlich zu können.

 

Bähm! Keine leichte Lektion

Wir sehnen uns also nach Ruhephasen und Erholung, doch fürchten wir oft nichts mehr als Langeweile. Häufig ist der Grund ein Mangelempfinden. Dies steht in Zusammenhang mit dem Bedürfnis nach Anerkennung. Wir wollen als Person wahrgenommen werden. Haben nur dann das Gefühl, von Wert zu sein, wenn wir etwas leisten. Glauben, nur dann ganz zu sein. Wir müssen Kontrolle über das Resultat haben, um uns sicher zu fühlen. Diesem Glaubenssatz liegen unsere Erziehung und ein unbewusster Mechanismus zugrunde: der Mechanismus, dass wir Tun, Leisten, Handeln, Aktivität und Schaffen heute mit Fülle, Wert, Erfolg, Respekt, Integration und Beliebtheit gleichsetzen. Ein Trugschluss. Schließlich braucht unser Körper Ruhepausen, um überhaupt leistungsfähig, kreativ und gesund zu sein. Ist damit unser Verhalten falsch? Nein.

 

Schuld sind unsere Gewohnheiten und Glaubenssätze

Wir versuchen, unser Verhalten zu ändern, ohne unsere Glaubenssätze zu reflektieren. Dabei ist es von entscheidender Bedeutung, die Tiefe unserer Glaubenssätze und Gewohnheiten zu verstehen, um das Verhalten ändern zu können.

Wir sollten uns einen Augenblick Zeit nehmen, um unsere Glaubenssätze und Gewohnheiten zu bestimmen und aufzuschreiben – ohne Schuldzuweisungen, Selbstkritik und Bewertungen. Häufig ist es nämlich nur eine winzige, närrische Idee, die von unserem Ego ausgeht. Sobald wir ein bewussteres Verständnis für die Muster hinter unserem Verhalten besitzen und wir verstehen, welche einengenden Bedürfnisse wir verspüren, können wir den nächsten Schritt gehen: Sich den Gefühlen bewusst zu werden, die mit unseren Gewohnheiten und Glaubenssätzen in Verbindung stehen.

 

Was hat das mit Gefühlen zu tun?

Das Gefühl steht in Verbindung mit alten Erfahrungen und steuert unser Verhalten. Sind die Erfahrungen negativ geprägt, verspüren wir den Drang, die äußere Welt kontrollieren zu müssen, um zu vermeiden, es wieder zu spüren. Wir können dies ändern, indem wir das Gefühl hinter unseren Glaubenssätzen und Gewohnheiten heilen.

 

Und was den Urlaub angeht:

Die Perspektive ändern. Niemand, außer wir selbst, drängt uns pünktlich beim Frühstück zu sein. Eine Verspätung kann außerdem eine  wunderbare Chance sein, nette Cafés zu entdecken und in den Genuss der kulinarischen Vielfalt zu kommen. Und ja, natürlich dürfen wir uns Sehenswürdigkeiten anschauen – unbedingt sogar! Schließlich bietet die Welt großartige Schätze, die es sich lohnt zu sehen. Aber, nur wenn wir es tatsächlich möchten und nicht, weil wir denken, dass andere es von uns erwarten.

Sich treiben lassen. Die Atmosphäre aufsaugen. Unterhaltungen mit Einheimischen führen. Plan gegen Freiheit tauschen. Schließlich sind es vor allem die Gefühle, die wir als Erinnerung abspeichern und nicht die Anzahl der Aktivitäten.

Wähle sie also weise!

Alles Liebe

Martina

 

Photo by Martina Jürgensen