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12 Nächte im Kloster – die Frage nach dem Warum

„Warum mache ich das hier eigentlich?“ Diese Frage ging mir mehr als einmal durch den Kopf. „Ich könnte jetzt irgendwo am Beach liegen und Cocktails mit Schirmchen schlürfen.“

Je stärker meine körperlichen Schmerzen wurden, je tiefer ich meine Tiefen spürte, desto eher entstand die Sehnsucht nach Kompensation.

Gebucht hatte ich die Reise im Dezember 2017 aus einer Krise heraus. Seit knapp zwei Jahren empfand ich mein Leben als immer anstrengender. Zwar blieben die großen Katastrophen aus, dennoch: zufrieden war ich nicht, weder im Job, noch privat. Dem Mann wünschte ich irgendwann alles Gute, aber nur noch innerlich, denn längst sprachen wir nicht mehr miteinander. Mein Geld verdiente ich durch Interims-Projekte, Spaß hatte ich aber eher an meinen Coachings. Ich wurde immer erschöpfter, rannte von Arzt zu Therapeut bis ich irgendwann heulend bei meinem Hausarzt saß. „Ich bin so kaputt, ich schleppe mich nur noch durch die Tage, Lebensqualität sieht anders aus“. Da schrillten dann wohl die Alarmglocken bei mir. So ging es nicht weiter. Ich brauche eine neue Ausrichtung – bloß wie? Klarheit muss her. Ich will wieder in meine Kraft kommen. Ich brauche meine Kreativität zurück.

Können 12 Tage und Nächte in einem Buddhistischen Kloster lebensverändernd werden? Die Antwort ist: JA! Der Disclaimer lautet: wenn man es richtig anpackt.

Es geht ins Kloster nach Kopan, hoch oben auf 1450 m liegt es nahe Kathmandu, groß ist es, mächtig. 350 Mönche und Nonnen leben dort. Wir werden von einem Gewitter begrüßt (und was für einem!).
Später, bei unserem ersten Teaching wird Karin, unsere Kursleiterin sagen:
“War das nicht ein herrlich reinigendes Gewitter?“ Soviel Positivität öffnet gleich die Herzen.

Karin Valham ist Schwedin, sie lebt seit 44 Jahren in Kopan. Sie ist ihrer Berufung gefolgt, im Alter von 24 Jahren entschied sie sich, Nonne zu werden. „Es war nicht immer einfach.“, erzählt sie. „Aber ich fühle mich so privilegiert, eine entscheidende Rolle dabei zu spielen, andere Menschen für den buddhistischen Lebensstil und die Lehren des Dharma zu begeistern. Es ist ein Traum, hier zu leben und ich werde es tun, bis ich sterbe“.

130 gleichgesinnte Menschen aus allen Altersgruppen, allen Nationalitäten, 130 Suchende, Fragende, 130 Lebensgeschichten und Lifestyles werden in einem umfangreichen Programm zusammengeführt, um mehr über die Philosophie des Buddhismus, seine Kraft und die Macht der Meditation und unseres Geistes zu erfahren.

Zeit in einem buddhistischem Kloster zu verbringen, weit weg vom Brummen unser Städte, dem Lärm unserer Straßen und dem Highspeed unseres Lebens, kann sehr heilsam sein. Das Leben dort ist nicht von der Zeit diktiert, sondern vom Rhythmus des Kosmos und während Geschwindigkeit und Effizienz die Währung unseres westlichen Lebens ist, hat der Aufenthalt dort Langsamkeit in ein Geschenk verwandelt.

 

Neben den täglichen Meditationen verbringen wir die ersten acht Tage des Kurses damit, etwas über die Macht des Mitgefühls und die Kraft unseres Geistes zu lernen. Täglich erhalten wir Teachings der Mönche über Ignoranz, Wut, Gier, Begierde und Hoffnung. Wir sitzen zusammen in Diskussions-Gruppen gemeinsam mit einem Mönch und sprechen über Dinge wie Karma, Ethik, Moral und Reinkarnation. Immer suchen wir in unseren westlichen Lösungsansätzen die buddhistische Alternative.

Wie würde ich Handeln, wenn ich voller Mitgefühl wäre?

Die erste Tageshälfte verbringen wir im Schweigen, sodann gab es viele Gelegenheiten sich in Gruppen oder während einer unserer zahlreichen Spaziergänge im Klostergarten (immer im Uhrzeigersinn um die Stupas, denn dies ist die Richtung, in die sich das Universum dreht) auszutauschen, nachzudenken, um von der Art und Weise, wie Mönche denken und handeln, zu lernen und zu profitieren.

Nach 8 Tagen beginnt ein 2-tägiges-Retreat im Schweigen: keine Gespräche, kein Augenkontakt, Stille. Ein willkommener Raum zum Nachdenken über die neuerlernten Methoden, die zu Glück, Zufriedenheit und innerer Ruhe führen. Längst sind die Teachings Teil meiner nächtlichen Träume geworden und somit in mein Unterbewusstsein vorgedrungen.

Der Klosteraufenthalt – Wie Tiefen tiefer werden und Höhen höher

Das Sitzen auf dem Boden in der Gompa ist sehr anstrengend. Mein Rücken, meine Beine, alles tut weh. (Schon wieder ertappe ich mich beim Jammern). Das Meditieren fällt schwer, kein Wunder, wenn man immer nur denkt „das tut weh, wie soll ich bloß sitzen“ – aber Moment, ich soll ja nicht denken….herrje, wie schalte ich diese Schmerzen aus? Ich versuche, Kopf und Körper mental ruhig zu stellen.

Im Teaching wird Mitgefühl gelehrt. Wir müssen mehr für andere tun. Es wird langsam leichter im Kopf… es stellt sich insgesamt ein Gefühl der Leichtigkeit ein. Hin und wieder habe ich diese erhellenden Momente in der Meditation, in denen alles echt und real wird.

Plötzlich schleicht sich ein Trigger ein. Pranayama – wir atmen je abwechselnd dreimal durch das rechte und dreimal durch das linke Nasenloch. Wir atmen aus: Verlangen, Wut und Ärger und zum Schluß Ignoranz. Bei Wut und Ärger fällt ein Satz „The fear of not being enough.“ – die Angst, nicht zu genügen. Ich atme das aus, aber es macht was mit mir. Tränen steigen hoch, ich muss weinen. Ist dies so sehr mein Thema? Ich will diese alten Gefühle nicht mehr. Jahrzehntelange Lasten. Ich lasse dies alles hier (wenn das so einfach wäre). Wem soll ich eigentlich genügen? Doch bitte nur mir. Breath. Let go. I AM ENOUGH!

Das Schwierige ist für mich nicht die Erkenntnis. Das Schwierige ist für mich die Verinnerlichung.

Eines Morgens, es ist Caren, die die Meditation „Death and Impermanence“ (Tod und Unbeständigkeit) führt. Wir beginnen mit der Vorstellung, dass wir in einem Bett liegen und unsere Lieben um uns versammelt haben. Langsam führt sie uns in den Tod. Unser Körper ist runzelig, schwach. Die Organe versagen. Unsere Gedanken, unser Gehirn. Alles vergeht. Nur der Geist bleibt. Der Tod ist gewiss. Wir können dem Leben keine Zeit hinzufügen, egal, wie intelligent, wie reich oder wie privilegiert wir sind. Mit jeder vergangenen Minute kommen wir unserem Tod näher. Die Zeit, Dharma zu praktizieren, ist limitiert auf unsere Lebzeit. Der Todeszeitpunkt ist ungewiss. Alter ist kein Indikator, Gesundheit ist kein Indikator, Reichtum ist kein Indikator.

Die Meditation dauert etwas länger als eine halbe Stunde. Die Vorstellung von Tod wird für mich real. Es ist plötzlich keine reine Vorstellung mehr. Ich atme tief ein und aus…

Als wir später darüber diskutieren höre ich, dass es den meisten Angst bereitet hat. Mir nicht. Die Tatsache, dass alles vorübergehend ist, verschafft mir Erleichterung. Ich war noch nie jemand, der Angst vor dem Tod hatte. Die Bewusstmachung, dass jeder Tag der letzte sein kann, intensiviert meine Gefühle gerade sehr.

Nachdem ich zwölf Tage mit Karin, Caren und den Mönchen verbracht habe und mir eine Geschichte über den wahren Sinn des Lebens angehört habe, beginne ich langsam zu verstehen, warum die buddhistische Philosophie wohl die intelligenteste ist, die ich auf dieser Erde finden kann. Es war nur ein Kurs und wenn Karin sich nach 44 Jahren als „Kindergärtnerin“ betrachtet, bin ich wohl ein Würmchen tief in der Erde.

Dennoch: wenn man den Kurs richtig begreift kann er zu einer lebensverändernden Erfahrung werden: über die Art und Weise, die Dinge zu betrachten und seine innere Haltung zu verändern.

Es ist schwierig in unserer westlichen Gesellschaft, in der Zeit und Geld die wichtigste Währung zu sein scheint.

Jeder hat so seine Themen. Meine sind Begierde und Egozentrik, welche ich in Großzügigkeit verwandeln möchte. So frage ich mich jeden Morgen in meiner Meditation „how can I become a benefit for others“ – wie kann ich andere unterstützen? Was braucht meine Freundin, mein Kollege, Kunde, Coachee von mir? Wie kann ich der alten Dame an der Kasse helfen, anstatt mich darüber aufzuregen, dass sie ihr Kleingeld sortiert?

Was hat der Kurs bei mir verändert? Ich bin sehr in eine Kraft gekommen. Ich platze vor Ideen und Kreativität. Meine Sinne haben sich extrem verstärkt (ich rieche einen Apfel auf 4 Metern!!). Ich übe mich stärker in Geduld. Ich nehme mir mehr Zeit, andern zuzuhören, auch fremden Menschen. Ich versuche, Begierde von wahrer Liebe zu unterscheiden und erstere weniger stark zu verfolgen. Und, meine wohl größte Baustelle: ich übe mich in Großzügigkeit, im Urteilen, in meinen Gesten und Gedanken. Ich meditiere noch immer, in etwa jeden zweiten Tag 15-20 Minuten. Ich trage zwei Armreifen, auf einem steht: „I am enough“ und auf dem anderen „All I need is within me“.

I am enough.

Das Wichtigste aber: Meine Motivation hat sich verstärkt, ebenso wie meine Frustration, meine Grenzen. Ich sehe also klarer. Das ist das, was ich gesucht habe: Klarheit. Zweifellos kann ich sagen, dass dies mit die intensivste Zeit meines Lebens war.

Nun möchte ich euch ein paar Fragen stellen:

  • Zeit ist ein konstruiertes Konzept. Was wäre, wenn Zeit keine Rolle spielt?
  • Was wäre, wenn Geld keine Rolle spielt?
  • Was wäre, wenn wir aufhören unsere Zeitknappheit mit Wichtigkeit zu verwechseln, aufhören unser „ach-so-beschäftigt-sein“ zu feiern?
  • Was wäre, wenn wir stattdessen mehr Zeit damit verbringen zuzuhören, nachzudenken, zu meditieren und die Zeit mit lieben Menschen verbringen?

 

Das größte Geschenk von Karin aber ist für mich ihre Aussage:

„The whole world can change for you if you change your mind“ – Karin Valham

Photo by Alexander on Unsplash