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Berufliche Veränderung mit über 30? Na, unbedingt!

Viele von uns verharren in ihrem einmal gewählten Ausbildungsberuf, auch wenn dieser uns schon lange nicht mehr glücklich und zufrieden macht. Die Gründe dafür sind vielfältig und reichen von existenziellen Ängsten, der Angst vorm Versagen bis hin zu der Vorstellung, dass es sich nicht schickt, mit über 30 noch einmal etwas ganz anderes zu wagen.

Ergebnisse der Berufswahlforschung zeigen, dass die Berufswahl keine einmalige Entscheidung ist, sondern ein sich über viele Jahre erstreckender Entwicklungsprozess. Entgegen der Vorstellung, dieses Phänomen sei eine Modeerscheinung der Neuzeit, in der das Ausleben der Individualität Vorrang hat, wurden die grundlegenden Annahmen dieser Theorie bereits in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts durch den Forscher Donald E. Super getroffen.

Wir, Ladies, dürfen uns also trauen, beruflich etwas ganz Neues zu machen. Warum und weshalb das so ist, und wie es dazu kommt, dass unser Ausbildungsberuf vielleicht so gar nicht mehr zu uns passt, diesen Fragen möchte ich in diesem Artikel auf den Grund gehen.

Wenn ihr Fragen dazu habt, seid eingeladen mir zu schreiben.

 

Wir treffen unsere berufliche Erst-Entscheidung in einer wilden Phase unseres Lebens

 

Damals nach dem Abitur stand ich vor einem Wust an Ausbildungsmöglichkeiten. Ich hätte 1000 „Dinge“ werden und sein können. Meine Interessen und Fähigkeiten reichten von einer tief verankerten Wissbegierde für pädagogische und psychologische Themen bis hin zu Literatur und Ernährung. Und da ich mein Abitur auf einem Wirtschaftsgymnasium absolviert hatte, kamen die Wirtschaftswissenschaften irgendwie auch noch dazu. Zudem studierten ein paar Freunde BWL. Ganz schön viel, und doch so wenig, irgendwie. Und eigentlich wollte ich erst einmal in die weite Welt.

Ich glaube, so wie mir geht es vielen. So stehen wir am Ende unserer Schulzeit vor einer elementaren biografischen Aufgabe, die einen nicht zu vernachlässigenden Einfluss auf unsere Laufbahn(-schicksal) und unsere Lebensgestaltung hat. Dabei sind wir noch nicht einmal Alleinentscheider. Schließlich vollzieht sich unsere Berufswahl im Spannungsfeld der Entwicklung unserer individuellen Voraussetzungen und Interessen sowie den objektiven Chancen auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt.

Wir leisten damit häufig die wohl erste bedeutsame Entscheidung in unserem Leben. Diese kann aus den oben genannten Gründen und im Zuge der gesetzlich garantierten Berufswahlfreiheit überfordernd sein und findet darüber hinaus in einem krisenhaften Lebensabschnitt statt, der Adoleszenz. Eine Phase, in der wir hin- und hergerissen sind, die Höhen und Tiefen eines Teenagers bzw. jungen Erwachsenen erfahren und uns in einem Abnabelungsprozess von den Eltern befinden und das gewohnte Gefüge von Verhaltensweisen und Privilegien der Kindheit aufbrechen. Und schließlich mangelt es uns nur zu häufig an Selbst- und Berufskenntnis, um eine für uns passende berufliche Entscheidung treffen zu können. Die Konsequenz: Wir suchen nur allzu oft nach Wegen, ohne gewiss sein zu können, welche Risiken und Chancen mit welchen Entscheidungen verbunden sind. Und so ist es nicht verwunderlich, dass der einmal gewählte Beruf nicht mehr dem entspricht, was uns heute glücklich und zufrieden stimmt.

 

Die Einsicht, dass der Beruf nicht mehr passt, kann zunächst vieles durcheinanderbringen

 

Die Erkenntnis, dass der einmal gewählte Beruf uns nicht mehr glücklich stimmt, ist für viele von uns nicht immer leicht. Schließlich hat sie Konsequenzen für unseren Identitäts- und Selbstkonzeptentwurf. So beginnen wir unsere berufliche Identität zu hinterfragen, die sich über Jahre hinweg herausgebildet hat und jene Ziele, Werte und Überzeugungen enthält, die wir persönlich als wichtig erachten und denen wir uns verpflichtet fühlen. Denn unser Beruf sichert nicht nur unseren Lebensinhalt, sondern macht einen wesentlichen Teil unserer persönlichen und sozialen Identität aus.

Ist diese nicht mehr stimmig, scheint unser berufliches Konzept zu kippen, und damit alles, was wir uns über Jahre hinweg aufgebaut haben. Verstimmungen und fehlende Motivation sind häufig die Folge, die nur allzu oft mit existentiellen Ängsten und der Angst vor dem Versagen verbunden sind. Dazu gesellt sich häufig zudem die blockierende Vorstellung, eine einmal getroffene berufliche Entscheidung sei in Stein gemeißelt, sodass wir unseren Ausbildungsberuf bzw. einen bestimmten beruflichen Bereich ein Leben lang ausüben müssten und ein Wechsel sei lediglich ein jugendlicher Spleen, gar eine fixe Idee oder ein Anzeichen dafür, dass wir im Leben noch nicht angekommen sind. Und doch:

 

Unsere Berufswahl ist entscheidend, aber keine punktuelle Entscheidung

 

In der traditionellen Berufswahlforschung wurde die Berufswahl lange Zeit als singulärer Entscheidungsakt für einen bestimmten Beruf verstanden. Dabei ist die Berufswahl aus entwicklungspsychologischer Perspektive keine punktuelle Entscheidung, sondern eine in die lebenslange Entwicklung eingebundene Lern- und Entscheidungsphase. Der Prozess der Berufswahl umfasst damit nicht nur die Entscheidung unserer beruflichen Erstqualifizierung, sondern auch alle weiteren mit unserer beruflichen Entwicklung zusammenhängenden Entscheidungen innerhalb unseres Erwerbslebens.

So besteht Donald E. Super zufolge unsere individuelle berufliche Entwicklung aus einem, das gesamte vorberufliche und berufliche Leben umfassenden kontinuierlichen und erfahrungsabhängigen psychosozialen Entwicklungsprozess. Dabei sind unser berufliches Verhalten und unser individueller Laufbahnverlauf (das Laufbahnmuster) stets ein Ergebnis aus bisherigen Erfahrungen und persönlicher Entwicklung, individuellen Präferenzen und Kompetenzen sowie den gegebenen beruflichen Möglichkeiten und der Folge sozialer Erwartungen und Anforderungen.

 

Unsere Erfahrungen bereiten uns vor

 

Die Berufswahl ist also ein Prozess, der sich über viele Jahre erstrecken kann. Im Zentrum dieses Prozesses steht die Entwicklung und Verwirklichung unseres beruflichen Selbstkonzepts, dass wir in Form eines zu uns passenden Berufs verwirklichen. Man könnte auch sagen, wir sind bestrebt, einen Beruf zu wählen, der am besten mit unserem beruflichen Selbstkonzept sowie unserer beruflichen Identität, die unsere objektive Sicht auf berufliche Ziele, Interessen und Begabungen beschreibt, harmoniert. Dabei beeinflusst das Bild, das wir von uns selbst besitzen, wesentlich die Bildung und Ausprägung unserer beruflichen Präferenzen und damit die Berufswahl.

Entsprechend kann es sein, dass wir auf dem Weg zu unserer Berufung verschiedene berufliche Stationen durchlaufen. Das ist ganz und gar prima. Denn wir entwickeln bzw. bilden auf diesem Weg bestimmte Fähigkeiten, Interessen, Persönlichkeitseigenschaften und Werte aus, die am Ende in einer sehr bestimmten und individuellen Expertise münden und uns von großem Nutzen sind. Zudem entwickeln wir uns Tag für Tag weiter. Heißt, unsere Vorliebe von damals muss nicht mehr mit der von heute und morgen übereinstimmen. Und ist es nicht großartig, jeden Tag zu wachsen und mit wachen Augen, uns und der Welt gegenüber durch das Leben zu gehen?

 

Also Ladies, traut euch!

Denn ihr dürft euch, egal wie alt ihr seid, beruflich verändern und an euren Träumen festhalten.

Alles Liebe,

Martina