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Balis gelebte Traditionen und Rituale – oder die Reise zu mir selbst

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Die Schönheit Balis ist jeden Tag für mich mit allen Sinnen spürbar. Ich bin immer noch sehr glücklich an diesem Ort zu sein, und das nach fast 2 Jahren, in denen ich hier mittlerweile überwiegend lebe. Ich kann mir im Moment keinen anderen Platz vorstellen, an dem ich lieber wäre. Das saftige Grün jeder einzelnen Pflanze, das warme Klima und die vielen unterschiedlichen Gerüche der Speisen, Blumen und Opfergaben, die aus Blüten und Räucherstäbchen bestehen. Das Einssein mit dem Spirit und dieser unglaublichen Natur ist kaum in Worte zu fassen. Jeden Tag wird mir DAS bewusst und meine Dankbarkeit ist unendlich.

Tag für Tag bestimmen Traditionen und Rituale das Leben der Balinesen

Tanja_Hummel_Bali

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Immer wieder berühren mich die Traditionen und Rituale der Balinesen. Vor ein paar Tagen wurde wieder Galungan und Kunigan gefeiert. Diese beiden Tage sind die wichtigsten Feiertage auf Bali. Ganze 10 Tage dauern die Zeremonien. Geister und Böse Spirits werden  vertrieben und die Guten gewürdigt. Wochenlang werden die Zeremonien vorbereitet. Innerhalb dieser 10 wichtigen Tage haben viele Geschäfte, Banken und staatliche Einrichtungen geschlossen.

Der Balinesische Kalender ist gefüllt mit Feiertagen und manchmal wird jeder einzelne Tag zur Wichtigkeit. Auf eine ganz achtsame und bewusste Art und Weise. Es ist unmöglich, sich dem zu entziehen.

Ich sehe jeden Tag Frauen und Männer, die ihre selbst hergestellten wundervollen Opfergaben meditativ an Straßenkreuzungen, vor Tempelanlagen und sogar auf Autos und Motorräder als Schutz vor schlechten Energien und bösen Geistern niederlegen. Es erstaunt mich immer wieder, wie konzentriert, achtsam und ruhig sie dieses Ritual Tag für Tag vollziehen. Dabei nehmen sie nichts um sich herum wahr. Völlig losgelöst von vorbeifahrenden Autos, vorbeigehenden Menschen und Tieren. Sie sind eins mit sich und ihrer Art Rituale und Traditionen zu leben.

Das Leben verläuft von Jahr zu Jahr zyklisch

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In Ubud komme ich durch diese Rituale meiner wirklichen Existenz immer näher. Jedem besonderen Tag wird Beachtung geschenkt.
Es sind die wichtigen Rituale zum Neu- und Vollmond.
Zeremonien werden in den Tempeln gefeiert und es gibt in Ubud viele Angebote, um an Ritualen teilzunehmen. Diese Verbindung macht mir immer mehr den Kreislauf des Lebens bewusst und geben meinem Leben einen tieferen spirituellen Sinn. Das Leben verläuft eben nicht linear von Jahr zu Jahr, sondern zyklisch. Gerade in diesen Zeiten verbinden wir Menschen uns auf Bali noch mehr. Das Teilen unserer Wünsche und Sorgen läßt mich mit allem sensibler werden. Hier kann ich wirklich spüren, was es heißt in Kontakt mit Mensch und Natur zu sein.

Ein tief ergreifendes Reinigungsritual im Wassertempel Tirta Empul

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Einer meiner absoluten Lieblingsplätze ist und bleibt der hinduistische Wassertempel Tirta Empul. Er löst in mir solch eine Magie und Ruhe aus, damit ist jeder Besuch und jede Wasserreinigung für mich unbeschreiblich. Dieser Platz ist für mich wie ein „nach Hause“ kommen. In diesem Jahr durfte ich dort eine besondere Erfahrung machen, die mich so schnell nicht loslassen wird und weiterhin beschäftigt.

Healing Your Heart mit Jero Budhi

Im Mai entschloss ich mich, bei meinem Lehrer Jero Budhi für 7 Tage ins Retreat zu gehen. Das Thema Healing your Heart kam genau richtig. Jero und ich kennen uns aus dem letzten Jahr. Ich war oft dort, um mir buddhistische Unterweisungen anzuhören und lebte viele Wochen bei ihm. Das Besondere an Jero ist seine buddhistisch hinduistische Ausrichtung. Er lehrt beide Traditionen und hat vor vielen Jahren von den Balinesen den Titel des Mangku bekommen, was für einen Menschen aus dem Westen eher außergewöhnlich und eine wirkliche Ehre ist. Er ist auf Bali für mich eine wichtige Person und ein Freund geworden.

Der Besuch des Tirta Empul war mit Jero Budhi die erste Wasserreingung nach 2 Tagen intensiver Meditation und Unterweisung. In den ersten beiden Retreat-Tagen ging es mir sehr gut. Ich hatte eher das Gefühl, ich kann das Retreat mehr oder weniger „absitzen“. Ein Trugschluss, der sich mit dieser ersten Reinigung sehr schnell zeigte.

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Die emotionale Wasserzeremonie

Zum ersten Mal erlebte ich mit einem Lehrer die volle Zeremonie. Während jeder aus unserer kleinen Gruppe in dem eiskalten Wasser von Fontäne zu Fontäne wortlos ging, begleitete uns Jero Budhi mit Mantren, die er leise vor sich hin sprach.

Jede Fontäne bietet die Chance, sich vom „Alten“ zu lösen und neue Wünsche und Intentionen zu setzen. Dabei wird der Kopf drei Mal unter das eiskalte Wasser jeder Fontäne getaucht. Während dieser Zeit ist es gut mit sich, seinen Wünschen und Intentionen in Kontakt zu bleiben. Diese Verbindung wird bei jeder Fontäne erneuert.
Ein wirklich tiefer, innerlicher Prozess, begleitet von meinem Lehrer Jero Budhi, der sich aus der Ferne mit Mantren und jedem einzelnen  der Gruppe tief und persönlich verbindet.

Endlich konnten lange und tiefe Emotionen fließen

Ich war so sehr mit mir, aber auch mit meinem Lehrer verbunden, dass meine Emotionen mit jeder Fontäne stärker wurden. Alte Gefühle von Trauer und Wut kamen hoch, aber auch eine endlose Liebe. Mein Körper fing immer mehr an zu zittern und ich konnte mich in dem kalten Wasser körperlich kaum noch halten. Es waren so tiefe Emotionen, die raus wollten und ich hatte keine Chance, diese festzuhalten oder zu unterdrücken. Als ich aus dem Wasser kam, war für mich innerlich alles ruhig und ich spürte meine aufkommenden Emotionen weiter. Nach dieser Erfahrung gingen wir noch in den alten wundervollen Tempel, in den wir nur durch Jero Budhi eintreten konnten und schlossen mit einer wunderschönen Zeremonie die Reinigung ab.

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Vor dem Retreat ist nach dem Retreat

Für mich begann genau an diesem Punkt meine innere Reise in diesem wundervollen Retreat.

Meine Emotionen fanden den Ausdruck über den Körper und so wurde ich einen Tag später krank. Ich stellte mich diesem Prozess und konnte dabei weiter mein Herz öffnen und Themen bearbeiten. Ich bin gesund aus dem Retreat gegangen und es arbeitet weiter in mir. Ich habe viel gelernt und versuche achtsam und bewusst mein Herz immer wieder zu öffnen. Diese Erfahrung kann ich jedem einzelnen Menschen empfehlen, der über sich und seine Emotionen mehr erfahren möchte. Und das nicht über den Verstand.

Tempelbesuch der heiligen Priesterin Ida Resi Alit

Eine weitere wichtige Erfahrung war der Besuch bei der Priesterin Ida Resi Alit ein Jahr zuvor. Dieser Besuch stellte alles, was ich bis dato spirituell und energetisch erlebt habe, in den Schatten.
Eine ganz andere Erfahrung als im Retreat bei Jero Budhi.

Ida Resi ist eine sehr junge Priesterin, der nachgesagt wird, dass sie nach ihrem Versterben kurz darauf wieder aufgewacht sei.

Ida lebt nicht in Ubud, sondern eine Stunde von Ubud entfernt Richtung Norden. Die schöne Fahrt durch die Reisfelder stimmte mich eher unruhig. Ich war sehr aufgeregt, aber neugierig auf das, was mich wohl erwarten würde.

Idas Energie zog mich in den Bann und ließ mich demütig werden

Viele Einheimische und auch Touristen warteten schon länger im Tempelhof auf Ida. Die Stimmung war sehr unruhig. Nach einer Stunde des Wartens kam sie aus einem kleinen Tempelhaus herausgetreten. Ich war sehr erstaunt, wie jung sie ist. Ihre Energie, die schon auf Distanz spürbar war, ließ mich demütig werden.
Sie setzte sich auf ein erhöhtes Podest und erklärte uns, dass sie erst Mantren singen würde. Irgendwann setzte der Klang ihrer Glocke ein und die Meditation begann. In dieser Meditation war es wichtig, unsere Intention klar zu formulieren, um uns bewusst zu werden, warum wir zu ihr gekommen sind.

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Das gleichzeitige Ertönen der Glocke und das Chanten ihrer Mantren versetzten mich in Trance. Ihr Gesang war als Vibration in all meinen Knochen bis hin zu jeder einzelnen Zelle spürbar.
Ihr Gesang rührte etwas ganz Altes in mir an, was Hilflosigkeit und Trauer in mir auslöste. Ich weinte. Es tauchten in meiner Meditation klare Bilder von Personen auf, die mich während der Meditation begleiteten. Wie lange die Meditation dauerte, kann ich heute nicht mehr sagen. Nach der langen Zeit des meditativen Sitzens, dem Aufhören des Gesanges und dem Klang der Glocke war nur noch unendliche Stille hörbar. Nach der Stille zog ein heftiges Gewitter mit Starkregen auf.

Die Chance meine Ängste loszulassen

Endlich ging es los. Mit dem ersten Wasserstrahl aus einem Kupfergefäß bekam ich eine Art Panikattacke und wollte nur noch weg. Aber eine Stimme sagte zu mir: Das ist die Chance deine Ängste loszulassen. Das Wasser kam nur so über mich und ich hatte Erstickungsgefühle und hyperventilierte. Ich versuchte, mir das Wasser mit den Händen aus meinem Gesicht zu wischen. Idas Energien ließen meinen ganzen Körper von den Fingerspitzen bis zu den Zehen kribbeln. Ihr unendlich berührender Gesang und die unendlichen Wassermengen lösten eine Art Kampf in mir aus, der immer stärker wurde. Meine Angst entlud sich über mein Schreien und Stampfen mit den Füßen. Es war wie ein Befreiungsschlag. Währenddessen habe ich keinen einzigen Menschen um mich herum wahrgenommen. Gefühlt war ich mit Ida alleine.

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Die innere Stille führte mich zu meinem Selbst

Nach und nach wurde ich ruhiger. Die Angst war verschwunden. Die Wassermengen wurden weniger und am Schluss hielt ich meine Hände zu einer Schale gelegt vor ihr. Sie schüttete vorsichtig mit Blüten angereichertes Wasser hinein. Einen Teil davon trank ich und den anderen Teil ließ ich über mein Gesicht und meine Haare fließen. Der Geschmack des Wassers war süßlich. Das wiederholte ich drei Mal. Danach war es vorbei. Ich  war ruhig und glücklich.
Es regnete weiter und es schien, dass ich ein Weg gefunden hatte, meine Angst ein Stück mehr loszulassen.

Fast ein Jahr später besuchte ich Ida ein zweites Mal. Es war emotional ganz anders und durch meine erste Erfahrung weniger intensiv. Da ich ein anderes Anliegen hatte, passte dies am Ende zu dieser zweiten Erfahrung.

Das Fazit beider Erfahrungen

Bali bietet sehr viele Möglichkeiten und Chancen, an den eigenen persönlichen Themen zu arbeiten. Wichtig ist dabei der eigene Wille und das wirkliche Einlassen auf das Fremde und der Andersartigkeit. Grundsätzlich habe ich die Erfahrung gemacht, dass dies auf Bali viel schneller möglich ist, als irgendwo anders. Meine beiden Erfahrungen zeigen, dass Heilung fernab von „unserer herkömmlichen Art“ im Westen, intensiver und manchmal schneller  möglich ist.

Ich kann nur jedem empfehlen, der sich intensiv mit sich selbst auseinander setzen möchte, nach Bali zu kommen.
Bali ist nicht nur eine Touristeninsel.
Mit seiner Kultur, den Menschen und speziellen Energien auch etwas ganz Besonderes. Oft fehlen mir die Worte, um das, was ich erlebt habe und immer noch erlebe, zu beschreiben.
Es geht für mich persönlich nur auf dem Weg der eigenen Erfahrungen und des Selbsterlebens.

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Photo credit: Tanja Hummel