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Warum wir Vorbilder brauchen

Vorbilder. Sie sind ein wenig wie das Hustenbonbon, das den Husten verschwinden lässt. Etwas haben sie von einem Glas eisgekühltem Wasser, welches Wunder gegen Kopfschmerzen wirkt.

Die Tasse Kaffee, die dem Mittagstief einen Streich spielt, und verhindert, dass wir mit dem Kopf, verschlafen, doch noch auf der Tastatur landen.


All das sind Vorbilder.


Oder, aus dem Leben gezogene Metaphern, die den Zweck der Vorbilder veranschaulichen.

So, wie es Kopfschmerzen unmöglich machen, sich auf etwas zu konzentrieren, so machen es noch immer existierende Geschlechterrollen in der Gesellschaft unmöglich, frei Entscheidungen treffen zu können.

Wir denken, alle können alles werden und der Erfüllung eines Berufswunsches stünde nichts im Wege. Aber stimmt das wirklich, wenn man einmal genau hinsieht?

Irgendwie störte man sich dann doch daran, dass eine Frau die Fußballspiele der Weltmeisterschaft kommentierte. Welche Signale sendet das an Frauen, die gerne diesen Beruf ausüben möchten?

Ist das eine ungünstige, oder ungewöhnliche Entscheidung von Seiten der Frauen? Oder ist vielleicht eher die Haltung des Umfeldes ungünstig, das sich herausnimmt darüber zu urteilen, ob nun eine Frau ein Fußballspiel kommentieren kann, oder eben nicht.

Und deshalb brauchen wir Vorbilder. Vorbilder dehnen unseren Horizont und verändern das, was für „normal“ gehalten wird.

In Deutschland feiert man bald das 100-jährige Jubiläum des Frauenwahlrechts. Davor war es nicht „normal“, dass Frauen zur Wahl gehen können. Hundert Jahre später ist es, in Deutschland, eine Selbstverständlichkeit, die völlig außer Frage steht. Es brauchte Vorbilder, die ihre Stimme erhoben und sich für das Frauenwahlrecht einsetzten. Ohne sie wäre es niemals zu einer Realität, oder gar Selbstverständlichkeit geworden.

Wir bräuchten noch viel mehr Frauen, die Fußballspiele kommentieren. So viele, dass es zu einer nicht in Frage stehenden Selbstverständlichkeit wird. Erst dann wird nicht mehr länger danach geurteilt werden, wer kommentiert, sondern danach, wie kommentiert wird. Erst dann wird man sich über Inhalte unterhalten können, anstatt an der Oberfläche kleben zu bleiben.

Und erst dann wird tatsächlich einem Berufswunsch nichts mehr im Wege stehen.

Das gilt zwar besonders, aber nicht nur, für Frauen. Auch Männer, die „ungewöhnliche“ Berufe wählen, stehen Hürden gegenüber. Solche Berufe also, die fern von dem jeweiligen Geschlecht zugeteilten Erwartungen liegen.

Wir sollten nicht vergessen, dass Geschlechterrollen immer eine Eingrenzung für alle Geschlechter bedeuten. Allen, die sich in fremden Gewässern aufhalten, droht die Gefahr eines Unwetters. Wenn Männer kommunikativ sind, oder gar emotional, erfüllen auch sie nicht die typischen Erwartungen, die ihrem Geschlecht zugeteilt sind. Frauen hingegen, die sich sehr selbstbewusst verhalten, oder ein großes Durchsetzungsvermögen beweisen, treten ebenfalls aus der Rolle heraus, die ihnen zugeteilt wurde.

Was aber wäre, wenn wir nicht länger von „weiblichen Eigenschaften“ und „männlichen Eigenschaften“ sprächen? Was, wenn wir ganz allgemein von „Charaktereigenschaften einer Person“ sprächen und so allen die Möglichkeit gäben, Talente und Stärken, unabhängig vom Geschlecht, zu entdecken und zu entfalten?

Dann hätten wir eindeutig den Husten besiegt, und auch noch die Kopfschmerzen, und könnten uns endlich wieder auf die wirklich wichtigen Dinge konzentrieren.

Photo by Mosa Moseneke on Unsplash