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Gender im Alltag – Warum Sprache wirklich wichtig ist

Bilder werden über Worte geschaffen

Beim Wort „Bus“ haben alle eine Vorstellung von einem Bus – die sich unterscheiden kann. Fragt man ein Kind aus London nach der Farbe eines Stadtbusses, wird es mit Sicherheit „rot“ sagen, eines aus München schon eher „blau“.

Geht es uns nicht allen so, wenn wir in einem Bus in einer anderen als „der eigenen“ Stadt sitzen und denken – ach, hier ist das Busfahren gleich ganz anders? Und so schön neu, obwohl es doch eigentlich auch nur ein Bus ist? Nun ja. Das ist so, weil sich das Bild „Bus“ geändert hat, nicht aber das Prinzip. Das Prinzip bleibt dasselbe – ein Stadtbus ist ein Transportmittel, das Vielen zugänglich ist. Egal ob rot oder blau oder regenbogenfarben. 

Halten wir fest – es gibt ein Prinzip und viele einzelne, teilweise verschiedene, Bilder davon.

Bilder bestimmen unser Handeln

Anhand von Bildern finden wir uns zurecht und interpretieren die Prinzipien hinter den Worten. Wir treffen so Entscheidungen und richten dementsprechend unser Handeln aus.

Nehmen wir das Prinzip Hochzeit. Mit dem deutschen Bild interpretieren wir das Prinzip Hochzeit sehr wahrscheinlich mit einem weißen Kleid. Fragen wir einen anderen Kulturkreis, nehmen wir das Beispiel Indien, wird das Kleid vermutlich schon eine ganz andere Farbe haben. Das Prinzip Hochzeit bleibt dasselbe – aber die jeweiligen Bilder sind unterschiedlich. 

Das dürfte leicht nachzuvollziehen sein. 

Was haben Bilder mit Gender zu tun?

Jede Menge.

Denn viele Bilder, anhand derer wir die Welt verstehen, kreieren wir gar nicht selbst. Wir übernehmen sie von unserem Kulturkreis und Umfeld. So bekommen wir vorgelebt, was gewöhnlich und was ungewöhnlich ist. Wir beobachten und verinnerlichen das – auch durch die Sprache. 

Wenn wir an der Werbung einer Business-School vorbeilaufen und darauf ausschließlich junge Männer zu sehen sind, nimmt as einen Einfluss auf das Bild, das wir dem Prinzip „Business-School“ zuordnen. Männer werden direkt angesprochen, Frauen nicht unbedingt. Man könnte ebenso weiterfragen, ob diese Werbung nicht nur im Hinblick auf das Geschlecht, sondern auch im Hinblick auf z.B. gesellschaftliche Schicht, oder Herkunft, divers ist, und so vielen Menschen einen direkten Zugang über dieses erschaffene Bild gewährt.

Wenn Menschen, die eine Grundschulklasse unterrichten, größtenteils weiblich sind, hat auch das eine Wirkung auf das Bild, welches das Prinzip „Lehrenden an einer Grundschule“ hervorruft. Oder, ein weiteres Beispiel – wenn in Bilderbüchern in Lokomotiven immer männliche Lokomotivführer sitzen, und in Cockpits immer männliche Piloten, kreieren diese Beobachtungen ein (einseitiges) Bild des Prinzips „Mensch, der Zug oder Flugzeug führt“ haben.

Wir sollten auch nicht vergessen – wenn nur von „Mann“ und „Frau“, oder „männlich“ und „weiblich“ die Rede ist, werden Menschen, die sich auf einem anderen Teil des Gender- Spektrums bewegen, von vornherein ausgeschlossen. Die Sprache lässt kein neues Bild für ein Prinzip zu, und das Umfeld wird es sehr wahrscheinlich auch (noch) nicht tun. So bleibt das Prinzip mit nur einem Bild verbunden, obwohl es vielseitig sein könnte – wenn die Sprache und das Umfeld es denn zulassen und vorleben würden.

Das, was wir in unserem Umfeld beobachten, und die Bilder, die über die Sprache kreiert werden, halten wir für möglich. Das, was wir nicht sehen können – auch das, was die Sprache nicht zulässt – halten wir für ungewöhnlich oder nicht möglich. So bleiben Piloten eben Piloten und die Lokomotivführer bleiben Lokomotivführer. 

Wir bewegen uns in einem begrenzten Rahmen der Möglichkeiten

Was aber, wenn wir die Sprache erweitern und so Platz für neue Bilder schaffen würden? Man mag meinen – nun, das würde keinen großen Unterschied machen. Aber doch – es würde den Rahmen der begrenzten Möglichkeiten sprengen, weil wir über die Sprache neue Bilder sehen und so neue „Normalitäten“ schaffen würden.

Alles, was sich jenseits eines Bildes bewegt, oder, man könnte auch sagen, nicht genau einem Bild entspricht, wirkt auf den ersten Blick „unnormal“. So werden Hürden geschaffen, für jene, die nicht ganz dem „normal“ entsprechen. So geschieht Gender – Diskriminierung. 

Männer, die in der Grundschule unterrichten möchten, bewegen sich außerhalb des dafür vorgesehen Bildes. Frauen, die Lokomotivführerin werden möchten, passen auch nicht in das Bild, das man bereits aus Kinderbüchern kennt. Wäre allerdings „Lokomotivführerin“ ein geläufiges Wort, wäre es gleich „viel normaler“ – es gäbe ein neues Bild für das Prinzip „Mensch, der Zug führt.“ Und so, anhand dieses Bildes, kann eine ganze Welt neuer Möglichkeiten entstehen.

Man handelt niemals alleine – man handelt immer als Teil eines Umfeldes. Auch, und besonders, im Arbeitsumfeld. Möchte eine Frau auf Management-Ebene tätig sein, ist sie abhängig von den Entscheidungen anderer. Und Entscheidungen werden nunmal von Bildern beeinflusst.

Wenn das Bild „Manager“ mit dem Bild eines Mannes verbunden ist, hat das einen Einfluss auf die Entscheidung, die darüber getroffen wird, ob eine Frau diese Stelle bekommt, oder ein Mann. 

Das wiederum hat einen Einfluss auf das gesamte Umfeld – denn würde dieses mehr Frauen auf Management-Ebene sehen, wäre auch das gleich „normaler“. Und das wiederum hätte vermutlich einen Einfluss auf das, was in der Gesellschaft für möglich, oder unmöglich gehalten wird. 

Wenn etwas jenseits der eigenen Vorstellungskraft liegt, muss eben ein neues Bild dafür geschaffen werden. Deshalb ist es so wichtig, in der Sprache eine Haltung widerzuspiegeln.

Ist es nicht faszinierend, was ein einziges Wort, ein Bild, für eine unglaubliche Macht in sich trägt? Wie viele Möglichkeiten es mit sich bringen kann?

Wie oft stolpert man über die Aussage – „Veränderung beginnt in den Köpfen der Menschen“ . Doch es gibt  noch eine Stufe, die erklommen werden muss. Veränderung beginnt in der Sprache. Ganz einfach, durch ein Wort. 

Veränderung braucht eine neue Normalität. Dazu braucht es eine Vielfalt an Bildern, und den Willen, diese zuzulassen, und mitzugestalten. Das geschieht zu einem großen Teil über die Sprache. 

Über Worte werden Bilder, und damit eine ganze Welt an Möglichkeiten geschaffen.

 

 


Photo by Kat Yukawa on Unsplash