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Bewusstes Unterbewusstsein – Werden Vorurteile von Menschen gemacht?

Warum jeder von uns diskriminiert. Warum wir trotzdem keine bösen Menschen sind. Wie das Nachdenken über das Denken helfen kann. Warum Blondinen dumm sind. Was Roboter von uns lernen können. Und warum wir am Ende doch selbst schuld an allem sind.

WERDEN VORUTREILE VON MENSCHEN GEMACHT?

Ja!

Wir alle haben Vorurteile. Das ist übrigens okay. Was wir aber wissen sollten: sie leiten oft unser Verhalten, ohne dass wir uns dessen bewusst sind.

Vorurteile gründen nicht nur auf Hass. Sie haben auch Vorteile, beziehungsweise dienen dazu, uns zu helfen, um nicht im komplexen und manchmal überfordernden System der gesellschaftlichen Strukturen unterzugehen. Sie sind Teil unserer menschlichen Wahrnehmung. Eine ihrer wichtigsten Funktionen ist uns von anderen abzugrenzen. Sie sind kurz gesagt „identitätsstiftend“.

Selbst wenn wir jemanden nicht kennen, fällt es uns ziemlich leicht, eine Person zunächst einer bestimmten Kategorie von Leuten zuzuweisen. Somit ist die Gruppeninformation das Erste, was wir haben, wenn wir einer Person begegnen. Das ist ein Mann, eine Frau mit Migrationshintergrund oder ein Mensch, den wir vermeintlich zur Gruppe der Raucher zuordnen. Diese oberflächliche Zuweisung zu Gruppen kann aber sehr schnell zu Diskriminierung führen.

Denn die Kategorisierung durch Normierung hält uns in Schach. Wir haben aber die Ausgestaltung und Festlegung der Normen selbst in der Hand. Wir können sie entwerfen. Und auch wieder verwerfen. Sie sind konstruiert und können dekonstruiert werden. Und das müssen sie auch. Wir sollten wissen, dass wir freie und bewußte Konstrukteure unserer Wirklichkeit sind, dass wir festlegen, welches unsere Standards sind. Und genau wie die Gesellschaft sich in einem stetigen Wandel befindet, sind auch Normen kein starres und unverrückbares Korsett.

DISKRIMINIEREN WIR AUTOMATISCH, WEIL WIR VORURTEILE HABEN?

Nein!
Klingt komisch, hängt aber mit den gesellschaftlichen Normen zusammen. Wenn wir uns unsere heutige Gesellschaft ansehen, stellen wir fest, dass es nicht akzeptiert wird, wenn jemand zum Beispiel in aller Öffentlichkeit eine homosexuelle Person diskriminierend behandelt. Es schickt sich nicht. Es ist gegen den normativen Trend, wenn man so will. Denn wir verstehen uns als Gemeinschaft mit der Tendenz zur Offenheit. Und diese Trends, die wir selbst setzen, beeinflussen Normen, die uns vorschreiben, bestimmte Gruppen eben nicht zu diskriminieren. Normen reduzieren die Komplexität im sozialen Miteinander. Sie engen in der Negativsicht die Verhaltensmöglichkeiten ein, schaffen auf der anderen Seite innerhalb der normativen Grenzen die freie Entfaltung ohne Zwänge.

Und hier wird eins deutlich: es ist nicht allein unser Wille Vorurteile loswerden zu wollen, der uns zu vorurteilsfreien Menschen macht. Gesellschaftliche Normen und die damit geschaffenen Grenzen, spielen hier eine große Rolle.

MACHT DER KLEINE UNTERSCHIED, DEN UNTERSCHIED?

Ja!
Es ist umso wichtiger, diese Kategorien, nach denen wir offensichtlich sortieren, positiv zu besetzen. Also Vorbilder innerhalb dieser Kategorien sichtbar zu machen und zu schaffen. Damit sich auch speziellere Vorurteile, die wir gegenüber gesellschaftlichen Rollen, wie zum Beispiel berufstätigen Müttern, Hausarbeit erledigenden Vätern oder homosexuellen Eltern haben, auflösen können. Um alte und verfestigte Bilder wieder flexibel zu machen. Um neue Bilder möglich zu machen und Vorurteile nicht zu verfestigen, die sicher nicht allgemein gültig sind.

Je näher wir eine Person kennen, umso mehr Informationen haben wir über sie und umso weniger formen Gruppenerwartungen unsere Urteile. Diese Details und Nuancen können wir kennenlernen, wenn wir in den Dialog treten und Menschen offen begegnen. Denn Vorurteile stören unsere Wahrnehmung, verschleiern die Wirklichkeit und verschließen den Blick für Neues.

Weil Vorurteile aber von Emotionen bestimmt sind, ist es nicht so einfach sie mal eben beiseite zu schieben oder sie zu „verlernen“. Keiner kann diese Verlinkungen in seinem Gehirn mal eben umlegen, weil keiner seine Gefühle ignorieren kann.

SIND BLONDINEN WIRKLICH DUMM?

Jein!
Sagen wir mal so: in Bezug auf Vorurteile, die man gerne loswerden möchte, ist unser Speicher die Pest. Allein der Beweis des Gegenteils, durch Vorlage diverser Intelligenztests von blonden Frauen, wird dieses Vorurteil nicht auslöschen können. Wenn sich Stereotype in unserem Gehirn verfestigt haben, handelt es sich dabei meist um Verknüpfungen die wir kombiniert abgespeichert haben. Zum Beispiel eben, dass Blondinen dumm seien. Und das verflixte ist, dass uns negative Informationen tatsächlich regelrecht fesseln. Wir können uns besser an sie erinnern. Auch wenn sie inzwischen x-mal vom positiven Gegenteil überlagert wurden. Das ist einerseits nachvollziehbar, weil wir dem Negativen ja aus Selbstschutz aus dem Weg gehen wollen. Dennoch können uns diese falschen Verknüpfungen fehlleiten und einschränken! Und sie haben meist sehr wenig mit der Wirklichkeit da draußen zu tun!

Selbst wenn ein Stereotyp auf die meisten Mitglieder einer Gruppe zutrifft, stimmt es nicht zwangsläufig für jedes einzelne Mitglied. Logisch, in Anbetracht unserer Unterschiedlichkeit. Und natürlich wissen wir: es gibt auch Menschen ohne Haare, die dumm sein können.

KÖNNEN WIR UNSERE VERKNÜPFUNGEN STEUERN?

Nein!
Wir Menschen lernen auch passiv, das heißt wir nehmen nicht nur aktiv Informationen auf. Wenn wir das Wissen, welches wir alle jeden Tag in uns aufsaugen, positiv beeinflussen wollen, müssen wir nicht nur das Wissen sondern auch die Gesellschaft, die dieses immer wieder reproduziert, ändern.

Die Art und Weise wie wir miteinander sprechen, wie Medien, Werbung und vorallem unsere Vorbilder kommunizieren, eben alles was unsere soziale Welt ausmacht. All das bewirkt ungemein viel in uns. Es hat sogar Auswirkungen auf eine gesamte Gesellschaft und prägt damit Zukunft und zukünftiges Handeln. Potenziale können gelebt oder erstickt werden. Die Handlungsfähigkeit einer Gesellschaft kann aktivierend und positiv bestärkt werden, aber auch eine Richtung einschlagen, die den Nährboden für eine freie, offene und soziale Gemeinschaft vergiftet.

Die Kultur in der wir leben, formt unser Wissen und das, was wir als scheinbar reale Fakten abspeichern. Und dieses Wissen widerum beeinflusst unsere Leistungen und Potenziale. Aber wir alle können diese Kultur verändern. Wir alle sind sogenannte Creators of Culture.

Jeden Tag werden wir von einer Flut unbewußt wahrgenommener Reize beeinflusst und geprägt. Forschungen haben gezeigt, dass dieses sogenannte subliminale Priming, also die unbewusste Beeinflussung durch Reize, direkte Auswirkungen auf unser Verhalten gegenüber Personen und Einschätzungen hat. Warum ich das erwähne? Nun, ich denke in diesem Moment wird klar, wie wichtig der bewußte Gebrauch von Sprache und Bildern in allen Bereichen unserer Gesellschaft ist. Es rechtfertigt absolut, den peniblen, kritischen Blick auf alle Medien, mit denen wir tagtäglich zu tun haben. Und nicht zuletzt macht es die Verantwortung klar, die wir alle als Multiplikatoren von Vorurteilen, oder eben vorurteilsfreien Haltungen, haben.

Es ist ja zum Glück nicht so, dass wir fremdgesteuerte Roboter sind.

WER KANN UNS AUS DEM SCHLAMASSEL RAUS HELFEN?

Wir!
Vorbilder. Also auch wir selbst. Positive Geschichten von anderen, sichtbaren Personen die genauso sind wie du und ich, die eine positive Haltung oder Entwicklung zu erzählen haben. Und genau diese Haltung, lässt sich dann potenzieren.

Nehmen wir einmal das Stereotyp gegenüber Alten. In westlichen Kulturen ist dieses viel negativer als in asiatischen Kulturen. Dort sind die Alten als wissende und weise Persönlichkeiten geachtet und bedeutend. Nicht etwa unbeweglich und verkalkt. Was das sagen will? Stereotype sind veränderbar! Sie stecken nicht in unseren Genen – sie sind von unserer Kultur geprägt.

Diesen „alten“ und behafteten Bildern unterschiedlichster Gruppen unserer Gesellschaft, gilt es mit positiven und menschlichen Vorbildern entgegenzutreten. Um eben jene einschränkenden Bilder aufzulösen und aufzubrechen, in vielfältige Geschichten, die unserer diversen Gemeinschaft, unserem Potenzial, gerecht werden können.

SIND WIR UNSERER STEREOTYPEN SICHTWEISE AUSGELIEFERT?

Nein!
Wenn wir Normen kritisch hinterfragen und in frage stellen, können wir auch verhindern, dass sie unsere Sichtweise stereotypisieren und einschränken.

Klingt natürlich leichter als es ist…das fängt ja schon bei den Geschlechtern an. Im Grunde spricht ja nichts dagegen, dass jeder ist wie er oder sie eben ist. Jetzt kommt das große aber: Menschen, die unserem Geschlechtsstereotyp stark widersprechen, nehmen wir als Bedrohung wahr. Wir haben schlichtweg Angst um unsere Domäne. Und Angst ist ein ausgezeichneter Dünger für den Nährboden der Diskriminierung.

Wenn wir mehr Raum zum Atmen, Leben und Entfalten brauchen – dann sollten wir ihn uns auch nehmen!

Normen sollten aktiv von uns geformt werden. Wir sind diejenigen, die vorgeben, wie wir uns die Leitplanken unseres Zusammenlebens vorstellen. Sie werden nach unseren Maßstäben gestaltet und entsprechen der Art und Weise, wie wir leben wollen. Es gibt keine Normen, nach denen wir Gesellschaft aktiv leben, die nicht von uns selbst gemacht werden.

Die Welt in der wir leben, wird von uns allen geformt. Wir alle, so unterschiedlich wir sind, sind die Norm. Und umso mehr wir uns einbringen und einsetzen, miteinander reden und aufeinander zugehen, umso mehr wird unser Umfeld zum Raum werden, in dem wir über uns hinaus wachsen können.

Hinterfragt Nomen.
Formuliert sie neu.
Schafft eine Kultur der Freiräume.
Und übt Bewusst-sein.

Quellennachweis:
Jens Förster
„Kleine Einführung in das SchubladenDenken“, DVA, 2007

 


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