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Im Kreuzfeuer der Jobsuche und wie sich meine Vielseitigkeit als Stolperstein herausstellte

Bei allem Respekt. Firmen wünschen sich alle mehr Input, mehr Kreativität, mehr Querdenker. Sie wünschen sich Veränderung. Doch steht diese in Form einer Person vor ihnen, wird diese abgelehnt. Das Altbekannte gewinnt. Nicht das Neue.

Unzählige Seminare und Workshops gibt es zu diesem Thema „Mit Diversity zum Erfolg“. Was damit gemeint ist? Das man mit breitgefächerten Kompetenzen, einer Ansammlung von Fähigkeiten, Jobs und vielfältigen Erfahrungen erfolgreich ist bzw wird. Und je nachdem wo man sich bewirbt, wird das Richtige aus dem Hut gezaubert.

Die Realität sieht allerdings anders aus.

Die Zeitungen und Internetportale sind überfüllt mit offenen Fachkräftestellen. Der Mangel scheint um sich zu greifen und ein Ausmaß anzunehmen, was Schlimmes erahnen lässt.

Aber

Über ein Jahr bewarb ich mich erfolgslos bei Firmen. Industrie. Handel. Mittelständler. Konzerne. Alles bunt gemischt. Es stellte sich heraus, dass mir dieser Bewerbungsprozess so einiges an Klarheit brachte.

Bewerbung – Die Forderungen der Mächtigen

Alleine schon die Stellenausschreibungen waren zu Beginn eine Herausforderung. Die eierlegende Wollmilchsau ist weiterhin gefragt. Am besten jung, dynamisch, willig. Sich der Firma verschreiben. 20 Jahre Berufserfahrung bitte mitbringen. Neue Ideen sollte ich auch auf dem Kasten haben. Pflegeleicht. Gehaltsvorstellung (schwierig). Bitte nicht so viel.

Zu dem Zeitpunkt war ich 34 bzw. 35 Jahre alt. Bringe sieben Jahre Selbstständigkeit mit. Davor hatte ich mehrere Jahre die Leitung des Marketings und der Personalentwicklung inne. Ein paar Abschlüsse habe ich auch zu verbuchen. Nebst einer Coachingausbildung. Dazu zwei Bücher veröffentlicht, die darauf schließen lassen, dass ich ein gewisses Maß an Kommunikationstalent und Mut besitze.

Zu meiner Freude hatte ich ein paar Vorstellungsgespräche. Was ich hier erlebte, war frustrierend und machte mich wütend.

Frustrierende Vorstellungsgegspräche – Worte und Taten sind zwei Paar Stiefel

Fangen wir mit der Wertschätzung an. Wenn ein Personaler zu mir sagt, er meldet sich bis zu einem bestimmten Zeitpunkt, dann verlasse ich mich darauf. Natürlich kann immer etwas dazwischenkommen, jedoch ist eine starke Verzögerung unhöflich dem Bewerber gegenüber. Der sitzt bekanntlich zu Hause auf heißen Kohlen und wartet auf eine Antwort: Ja oder nein. Ungewissheit ist immer schmerzhaft.

Manchmal hatte ich das Gefühl, dass ich eine Absage bekommen habe, weil ich zu überqualifiziert bin – keine Befehlsempfänger, sondern eine Frau mit Hirn. Oder einfach: Die ist ein wirtschaftliches Risiko – zu alt, Kinderwunsch. Alarm!!

Einmal war es sogar so, dass es im Gespräch (überraschenderweise) um drei Positionen ging, weil das Unternehmen von mir begeistert war. Als ich erwähnte, dass ich Bücher schreibe, war die Freude noch größer. „Ich sitze einer Schriftstellerin gegenüber. Das finde ich jetzt toll.“ Am Ende stand ich mit leeren Händen da.

Es wurde eine Person genommen, die Mercedes zertifiziert ist– was auch immer das bedeutet – und ich ja neu in der Unternehmung wäre.

Diversity? Danke, nein.

Bei allem Respekt. Sie wünschen sich alle mehr Input, mehr Kreativität, mehr Querdenker. Sie wünschen sich Veränderung. Doch steht diese in Form einer Person vor ihnen, wird diese abgelehnt. Das Altbekannte gewinnt. Nicht das Neue.

Selten bekommt der Bewerber zu hören, wieso er nicht genommen wurde. Was ich persönlich schade finde. Firmen machen dies, um sich rechtlich zu schützen. Jedoch wäre es für die betroffene Person ein Gewinn. Klarheit erschafft Möglichkeiten und nächste Schritte.

Am Ende dieser Phase gab mir eine außenstehende Personalerin folgende Tipps:

  • Die Autorin bitte nicht erwähnen
  • Ihr ist nicht klar, wohin ich will bei dieser Vielseitigkeit
  • Ich bringe zu wenig Erfahrung in der Wirtschaft mit und sollte doch mein Glück in einem kleinen  Betrieb versuchen

Erst einmal musste ich tief durchatmen. Das Gesagte wirken lassen. DANKE.

Der Corporate Sklave statt Ehrlichkeit

Mir wurde an diesem Tag klar, dass das, was Firmen von ihren Mitarbeitern wollen, nicht das ist, was ich suche.

Jahrelang habe ich mich mit mir und meiner Person beschäftigt. Wer ich bin. Was mich ausmacht. Habe gelernt, ehrlich mir und anderen gegenüber zu sein. Weil Ehrlichkeit bekanntlich am längsten währt.

Damit ich in der klassischen Wirtschaft einen Job finde, müsste ich mich anpassen. Ich dürfte nicht ich selbst sein. Ich müsste mich verstecken und nur das sagen dürfen, was sie hören wollen. Meine Vielseitigkeit, die von allen so gefordert wird, mein Engagement und mein Mut, mich dem Leben zu stellen, wird in diesem Wirtschaftszweig wohl nicht gewünscht. Und wenn ein Patriarch der Ansicht ist: Frau, Kind, Küche. Dann kann ich noch so qualifiziert sein und das Gesetz auf meiner Seite haben. Ich habe verloren.

Es prallten zwei Welten aufeinander. Ich war mal ein Businesskind. Jetzt passe ich nicht mehr dazu. Und es ist gut so. Mein Weg ist ein anderer.

Mein Wunsch: Mehr Offenheit in Unternehmen

Es bleibt zu hoffen, dass Unternehmen in Zukunft zu ihren Worten stehen und Arbeitnehmer den Blick für das große Ganze erheben und sich ehrlich fragen: „Bin ich hier noch richtig?“. Statt sich gegenseitig das Leben und die Entwicklung schwer zu machen.

Damit dieses Land, mit all seinen Beteiligten und Mitgestalter, eine Chance hat.

Alles Gute

Simone

 

 

 


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