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Neue Chancen und alte Zwänge – Ene mene mender, das Thema das heißt Gender

Ich habe da so einen Zaubertrick drauf. Mit dem kann ich sofortiges Augenrollen bei anderen auslösen: Ene mene mender, das Thema das heißt Gender.

Ja wirklich, das funktioniert jedes Mal! Augenrollen – Was soll das denn mit dem Genderdings? Wer braucht das denn? Augenrollen –  Bloß nicht wieder so eine Diskussion über Gerechtigkeit und Gleichstellung! Augenrollen – Und was bitte soll Gender Shift sein?

Hier verschiebt sich doch gar nichts, nur ein paar Leute, die absurderweise anzweifeln, dass ich ein Mann und du eine Frau bist, wo das doch total offensichtlich ist! Naja, sag ich dann, den Gender Shift müssen wir gar nicht diskutieren. Der passiert ja eh schon. Er ist Realität. Und er hat nichts mit einem Streitgespräch zur Gleichheit zu tun, sondern ganz konkret mit der Individualisierung von Geschlechtsidentitäten – übrigens auch jener von Heteromännern – also lest ruhig weiter!

Angst vs. Glitzer

Was auch für mich oft neu ist: Einiges verändert sich, die Rolle, die wir als Frau oder Mann in der Gesellschaft spielen etwa und damit auch die Arbeits- und Lebenswelt, in der wir uns bewegen. Und das ist gut so. Denn es bedeutet nicht, dass hier irgendwem irgendwas weggenommen wird. Auch, wenn das die Angst vieler Männer, zumindest im meinem Büro, zu sein scheint. Das Gegenteil aber ist der Fall.

Es wird mehr für alle von uns geben. Für Männer und Frauen. Wir werden uns unabhängiger von der Rolle entwickeln können, die scheinbar von der Gesellschaft für uns vorgesehen ist. Hausfrau und Mutter zu werden. Der starke Mann und Ernährer zu sein. Die zurückhaltende, freundlich lächelnde Frau und der Mann, der keine Träne vergießt und nie Zuhause ist. Mädchen die, das sieht doch ein Blinder mit Krückstock, nur rosa Glitzer lieben und einfordern. Jungs, die natürlich wild und mutig sind und alle lieber auf Bäume klettern, als diese am Schreibtisch sitzend aufzumalen.

Geschlecht vs. Kompetenz

Ganz schön kleine Schubladen finde ich. Und ich bin froh, dass nicht wenige davon aufgerissen und endlich mal ausgemistet werden. Wir brauchen für diese Entstaubungsaktion nicht bis zum Frühjahr zu warten. Stereotype werden jetzt schon überdacht, jeden Tag und überall auf der Welt.

Dem eingeschliffenen entweder-oder-Denken wird eine Vielfalt entgegengestellt, ich welches es sich eingliedern kann. In der es aber keine Hauptrolle mehr spielen wird. Im Moment fehlen jedoch immer noch an allen Ecken und Enden Vorbilder. Stereotype Rollenbilder beeinflussen zum Bespiel nach wie vor sehr stark die Berufswahl junger Menschen. Und das Fehlen von männlichem Erziehungspersonal in Kindergärten macht nicht nur die Vorbild-Lücke von Kindern alleinerziehender Frauen größer.

Übrigens zeigen einschlägige Studien, dass viele gebildete Frauen, ihren Job in der Mitte ihrer Karriere verlassen. Nein – nicht, um Kinder zu bekommen und den Haushalt zu schmeißen, sondern weil sie keinen Bock haben, sich in einem feindseligen Umfeld zu schinden, in welchem ihr Geschlecht mehr Relevanz hat, als ihr Können. Ein Umfeld, in dem reflexhaft eine potenzielle Schwangerschaft in den nächsten fünf Jahren gedacht wird, wenn du weiblich und Anfang dreißig bist.

Eltern vs. Zeit

Die Frage ist, ob alles besser wird, wenn Frauen und Männer scheinbar immer gleicher werden. Wohl kaum. Falsch verstanden. Es geht nicht um Angleichung, sondern um Rollenwechsel, Rollenvarianz und Rollenbruch. Es geht im Grunde auch nicht nur um Frauen und Männer. Es geht um unsere Identität. Wir werden alle gleicher, indem wir verschiedener und variabler und auf uns selbst bezogen, vielfältiger werden: Vielfalt ist die Normalität unserer Welt und Vielfalt zeigt uns neue Chancen, um uns aus alten Zwängen zu befreien – wenn wir wollen. Denn inzwischen passieren verrückte Dinge wie diese: meine Kollegin kommt demnächst aus der Elternzeit zurück. Schön! Nein, nicht in Teilzeit, voll. Ja, das arme Kind wird vom Vater betreut, der übernimmt die zweite Hälfte des Elternjahres. Richtig, es heißt ja auch ELTERNzeit. Schön, oder?

Da fällt mir dieses Plakat ein.

Es hängt im Bürofenster eines großen Konzerns, an dem ich tagtäglich vorbeiradel und dort steht in großen Buchstaben: love what you do!

Recht hat es und ich möchte es gern ergänzen:

 

love who you are!