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Warum ein Haufen Scherben am Jahresende doch ein vergoldeter Neuanfang ist

In der Zeit um Weihnachten und zum Jahreswechsel  werden ja alle gerne etwas besinnlicher und nachdenklicher. Mir geht es nicht anders. Die Gedanken kreisen. Man lässt das alte Jahr Revue passieren und fängt an Bilanz zu ziehen. Und im neuen Jahr soll dann alles anders werden. Man möchte alle Altlasten abschütteln und unbeschwert und frei ins neue Jahr starten. Mein persönlicher Ausflug in die Zeit der Jahresabschlussbilanz ist etwas versöhnlicher verlaufen. Statt großer Altlast-Entsorgung setze ich in diesem Jahr mehr auf Altlast-Sanierung. Ich bin nämlich auf eine japanische Tradition gestoßen, die ich gerne mal als Gegenvorschlag zur radikalen Trennung ins Feld führen möchte.  

Kintsugi: Vergoldeter Neuanfang durch reparieren

Kintsugi.  Der vergoldete Neuanfang.  Ein traditionelles japanisches Handwerk von dem wir so viel lernen können. Wenn eine wertvolle Keramikschale in Japan zerbricht, wird sie ganz einfach wieder repariert. Und zwar so, dass die Bruchstellen nicht nur mit besonderem Kitt und Lack,  sondern auch mit Goldstaub geflickt werden. Die Brüche wirken so besonders kostbar und machen die Schale einzigartig. Es wird keinen Wert darauf gelegt, die Makel zu verbergen. Wieso auch? Sie gehören ganz selbstverständlich dazu.

Das Kostbare im Rückschlag

Ist es mit unseren Jahres-Altlasten nicht genauso? Jeder Rückschlag und jede Verletzung ist bitter und lässt ein Stück von uns und in uns zerbrechen. Enttäuschung, Wut, Trauer, aber auch Liebe und Hoffnung – all die großen Emotionen, die uns auf unserem Weg im Leben begleiten und unsere Geschichte zieren. Sie hinterlassen Spuren. Es kostet uns Mühe und Zeit, umwieder zurückzukommen und „ganz zu werden“. Und trotzdem ist es uns so wichtig, alles Zerbrochene zu verbergen.

Aber genau das macht uns doch aus. Das ist doch unsere Stärke. Zurückzukommen und kostbarer und stärker als je zuvor zu sein. Sich der Rückschläge bewusst zu werden. Sie ein Teil von uns werden zu lassen. Das vermeintliche Schandmal sichtbarer und stolzer denn je zu tragen, anstatt die Scherben unter den Teppich zu kehren und so zu tun als sei man unversehrt. Wer glaubt das schon?

Sich zu besinnen. Innewerden. Darum geht es doch am Jahresende. Sich einer Sache bewusst werden und sie in ihrer Bedeutung zu erkennen. Auch das braucht Zeit und kostet Mühe. Es dauert eine Weile bis wir es erkennen. Das Kostbare im Rückschlag. Aber wenn wir es erkannt haben, sollten wir es auch wertschätzen und nicht vertuschen.

Kintsugi ist mehr als ein schnödes Lippenbekenntnis in Form eines „Der Neuanfang kommt. Jetzt wird alles anders“. Es geht nicht um formvollendete Schönheit und Perfektion. Kintsugi ist Ehrerbietung und echte Wertschätzung. Mir selbst, meinem Leben und all meinen Fehlern gegenüber.

„Das ist meine Geschichte. Und ja,
verdammt, sie hat Macken, Risse und Sprünge.“   

Es läuft eben nicht immer nach Plan. Und so trägt jeder die Spuren seines Lebens unter der Haut. Vielleicht sollten wir uns alle die Fehlerhaftigkeit und Verletzbarkeit jedes einzelnen bewusst machen und gleichzeitig mehr wertschätzen und als besonders erachten.

Risse und Goldstaub sind bei jedem auf einzigartige und wunderschöne Weise verteilt. Man muss sich nur mal Mühe geben und mit anderen Augen schauen. Vielleicht ist das Glänzen der Augen zu Weihnachten dann auch mal auf die Entdeckung der Goldspuren meiner Mitmenschen zurückzuführen.

 

Also:

Embrace your imperfections and find happiness – the Japanese way – Tomas Navarro

 

 

 


Photo by Paige Bradley