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Verliebt. Verlobt. Koffer weg!

 

 

 

In ihrer wöchentlichen Kolumne schreibt Patrizia Isabella Widritzki jeden Freitag über das Ergreifen neuer Chancen und den elenden Klotz am Bein, der einen davon abhalten will das Leben mal ganz anders anzupacken: die alte Zwänge! Heute geht es um die liebe Familie: Vater-Mutter-Kind, Patchworkfamilien, Regenbogenfamilien, Spießerfamilien oder Sternchenfamilien…was ist denn nun State-of-the-Art?


Schulterpolster. Dauerwelle. Leggings. Dass die 80er ein Revival erleben hab ich selbstverständlich mitbekommen. Aber jetzt haltet euch fest: ZDF Neo zeigt tatsächlich die in den 80ern produzierte Fernsehserie „Ich heirate eine Familie“. Die Frisuren! Die Klamotten!! Gelbe Kleider mit Puffärmeln!!! Absolut inspirierend. Was mich aber am meisten überrascht, ist die Aktualität: Angi und Werner leben nämlich mit ihren insgesamt vier Kindern in einer Patchworkfamilie. Die Serie war ohne Übertreibung erfolgreich und beliebt. Warum hat sich, nach fast vier Jahrzehnten, scheinbar trotzdem nichts an dem klassischen Bild einer „normalen“ Familie geändert?

Alles Ehe oder was?

Wir haben doch die Ehe für alle eingeführt. Lesbische Paare bekommen Kinder. Schwule auch – irgendwie. Es gibt immer mehr Familien die gepatched sind. Von wegen alles ist beim Alten geblieben! Aber der Schein trügt. Noch immer wird behauptet Kinder brauchen für eine gute Entwicklung das Spannungsfeld Vater und Mutter. Klingt fast, als wären Homoehen und -beziehungen völlig langweilig und spannungsfrei. Klar, homo-gen eben. Schliesslich werden Kinder von homosexuellen Paaren auch aussließlich von diesen herangezogen und (Achtung: Ironie!) haben keinen Kontakt zur Aussenwelt.

Ehe gut, alles gut?

Obwohl längst nachgewiesen wurde, dass sich Nachwuchs aus sogenannten Regenbogenfamilien nicht anders entwickeln, als jener in traditionellen Konstellationen, tun sich besonders die Konservativen schwer damit. Explizit die Ehe sei die Grundlage der Familie. Also eine Verbindung zweier Menschen mit dem Ziel, Kinder zu bekommen. Gut – da die Ehe für alle bereits durchgewunken wurde, verstehe ich nicht wo das Problem liegt. Zwei Frauen heiraten und wollen ein Kind. Check. Zwei Männer heiraten und wollen ein Kind. Check. Check? Leider nein.

Immer noch weigern sich viele Ärzte, lesbische Paare bei der Fortpflanzung zu unterstützen. Krankenkassen bezahlen keine Kinderwunschbehandlungen bei deren Unfruchtbarkeit. Nur die leibliche Mutter bekommt automatisch die Elternschaft – auch wenn die Frauen verheiratet sind! Scheinbar hat die Ehe für alle nicht gleiches Recht für alle mit im Gepäck gehabt. Oder der Koffer ist einfach verloren gegangen.

Ruhe bewahren!

Bei Gepäckverlust wird stets geraten: Ruhe bewahren. Vielleicht ist es ja nur auf dem falschen Transportband gelandet und dreht woanders seine Runden. Falls nicht: ab zu „Lost and Found“. Der häufigste Grund für den Verlust von Gepäck ist Stress am Flughafen. Streik, Schneestürme und gestrichene Flüge können die Menschen ganz schön durcheinander bringen. Vielleicht hat es der Gesetzgeber deshalb noch nicht geschafft, die sogenannte Vaterschaftsvermutung an die Ehe für alle anzupassen? Und deshalb bleibt es erst mal dabei: die automatische Elternschaft ist ausdrücklich nur für (nicht schwule) Väter vorgesehen. Verstehe das wer will.

Also bleibt es jetzt dabei?

Familien, in denen die Mutter Hauptverdienerin ist, werden als „verkehrte Familien“ bezeichnet. Ein Mann, der sich ausschließlich um Haus und Kinder kümmert, ist gesellschaftlich (noch) nicht akzeptiert. Weder von anderen Männern, noch von Frauen. Schon garnicht von Müttern. Das archaische Beuteschema hat uns fest im Griff, um den Psychotherapeuten Stefan Woinhoff zu zitieren.

Wo ist das Problem?

Nicht nur tradierte Rollenbilder. Vor allem Gesetze, Regeln, ökonomische Zwänge, Normen, Stereotype, Ehegattensplitting, Steuervorteile, die das beibehalten traditioneller Arbeitsteilung begünstigen, und natürlich auch Kinderbetreuungs-Gaps. Keine rosigen Aussichten. Was nun? Ich würde sagen: die Chance beim Schopfe packen und weitermachen. Als Vorbild vormachen, was möglich ist. Die Konventionen und Traditionen aufbrechen und beweglich machen.

Familie ist ein Gefühl!

Ob Patchworkfamilien, Regenbogenfamilien, Spießerfamilien oder Sternchenfamilien – sie alle sind Teil eines vielfältigen Familienbildes, welches in unserer Gesellschaft immer sichtbarer wird. Familie wird sehr unterschiedlich gelebt. Die Blaupause Vater-Mutter-Kind hat nicht ausgedient, aber sie ist längst nicht mehr das einzige Vorbild für die Menschen, die sich die Geborgenheit und Einheit einer Familie wünschen.

Es wächst zusammen, was zusammen gehört!

Familie ist wie Heimat. Sie fühlt sich gut an. Egal wer du bist. Egal ob Blutsverwandt oder nicht. Egal welches Geschlecht. Egal welche Nationalität. Egal ob verheiratet oder befreundet. Ich finde, es kann absolut nichts dagegen sprechen, wenn sich Menschen zusammen tun, weil sie sich gut verstehen und füreinander da sein möchten.

Familien und andere

Je diverser unsere Familien(vor)bilder werden, desto freier können wir unsere individuellen Bedürfnisse nach Nähe und Sicherheit entfalten. Und ich kann mir kein besseres Umfeld für Menschen vorstellen als eines, in dem ich sein darf wie ich bin. Und genau so geliebt und angenommen werde.

Ob das jetzt Familie heißt oder Famuluku scheint mir zweitrangig. Nur muss der Gesetzgeber für eine Gleichstellung sorgen – auch hier!

 

 


Photo by Jan Antonin Kolar 🇨🇿 on Unsplash