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Also, normal ist das nicht … aber was ist schon normal

In ihrer wöchentlichen Kolumne schreibt Patrizia Isabella Widritzki jeden Freitag über das Ergreifen neuer Chancen und den elenden Klotz am Bein, der einen davon abhalten will das Leben mal ganz anders anzupacken: die alte Zwänge! Heute fragt sie sich “ Was ist eigentlich normal?“ und erinnert sich an die letzte WM.

Was ist eigentlich normal?

Ich denke an den letzten Sommer. An die Fussball-WM und das Spiel Iran gegen Spanien. Viele Fans sind im Stadion, darunter viele iranische. Viele weibliche, iranische Fans. Mir stehen die Tränen in den Augen. Gerührt, dass diese Frauen so frei ihre Emotionen zeigen dürfen. Berührt von der Tatsache, dass diese, also meine Normalität, für sie normalerweise unerreichbar ist. Und ich frage mich: Was ist überhaupt „normal“? Wer darf denn vorgeben, was normal ist? Darf überhaupt jemand anderes für alle festlegen, was normal ist?

Total normalo

Eigentlich ein ganz normales Spiel. Der Moderator gibt sein Bestes. Kommentiert begeistert, mitreißend und ist selbst ergriffen von der Stimmung im Stadion:

„Wenn man die iranischen Frauen hier im Stadion sieht, wie sie ihrer Mannschaft zujubeln und mitfiebern, denkt man: Schade, dass sie das zuhause in ihrem eigenen Land nicht auch können!“ (ARD-Reporter Gerd Gottlob, Fussball-WM, Iran gegen Spanien)

Ich hab mich echt über diesen Kommentar gefreut. Zum einen, weil er so offen heraus beschreibt, wie unnatürlich diese Restriktionen gegenüber Frauen im Iran sind. Aber auch, weil es für mich ein so normaler Anblick war, dass mein Auge gar nicht darüber gestolpert ist. Mir kam gar nicht in den Sinn, dass diese Frauen ja in ihrer Heimat normalerweise nicht die Möglichkeit haben mitzufiebern, weil sie keinen Fuß in die sogenannte männliche Atmosphäre eines Stadions setzen dürfen.

So ist das nun mal – wir sind doch alle gleich

Dabei geht es gerade beim Sport um etwas, das uns alle vereint, in dem wir alle gleich sind. Es geht um Emotionen. Selbst wenn viele denken, es gehe um dieses runde Ding auf dem Rasen. Ob Freude, Enttäuschung, Wut oder die Sehnsucht nach einem Tor. Und all diese Emotionen sind menschlich. Mehr noch: sie machen uns menschlich. Eben in genau dieser Vielfalt an Gefühlen, dem Vermögen diese zu zeigen, sind wir alle gleich. Es ist einfach ganz normal.

Ich möchte mich jetzt an dieser Stelle nicht darüber auslassen, wie absurd ich die Ausgrenzung der weiblichen Fans aus den iranischen Stadien finde. Auch wenn zur WM der Druck auf die Regierung doch so groß wurde, dass sie eine Ausnahme gemacht haben. Und es geht mir auch nicht darum, dazu eine Stellung zu beziehen, die für mich ganz offensichtlich ist, weil ich grundsätzlich nichts davon halte, Menschen in Kategorien einzuteilen. Es geht vielmehr darum herauszustellen, was uns nicht unterscheidet. Was uns gemeinsam ist. Was uns gleich macht, ohne Gleichmacherei zu betreiben.

Die sind halt anders … was aber ist „anders“?

Ich stelle mir also vor, unsere Gesellschaft ist in der Lage, das so glasklare Erkennen eines Missstands in einem anderen Land, auf sein eigenes zu übertragen. Denselben kritischen Blick in die eigene Heimat wagen. Durch die Brille ohne rosa-rot zu schauen. Es ist gar nicht so einfach, selbstkritisch zu sein. Dabei besitzen wir so zahlreiche, wundervolle Redewendungen in der deutschen Sprache zu diesem Thema. In den Spiegel der Wahrheit blicken oder nicht, mit Steinen werfen, wenn man denn selbst im Glashaus sitzt.

Benimm dich normal. Die Leute gucken schon!

Fakt ist: Wir grenzen in unserer so offen geglaubten Gesellschaft andauernd andere aus. Ich auch! Meist, ohne es zu merken, was das Ganze leider nicht besser macht. Es handelt sich um eine Art von Ausgrenzung, die sich als Normalität in unseren Alltag eingeschlichen hat. Alles, was für uns persönlich nicht normal scheint, ist automatisch falsch. Abnormal. Verrückt. Unüblich. Abartig.

Aber es gibt Möglichkeiten, das vollumfassende Sehen wieder zu erlangen. Auch ohne VR und 360 Grad Brille. Perspektivwechsel! Austausch! Empathie!

Die Dinge einfach mal aus einer anderen Perspektive sehen

Die Dinge mal aus einer anderen Perspektive betrachten und beobachten, was das mit sich bringt. Wie es den Blick auf die eigene, scheinbare Normalität verändert. Den Mut haben, sich dabei zu ertappen, die eigene Normalität als Grenze zu erkennen. Mit der Offenheit eines Kleinkindes in die Welt blicken, mit der einfach alles möglich ist. Eine Chance, sein Umfeld ganz neu zu sehen und die eingeschliffene, alte Perspektive mal über Bord zu werfen.
Von wegen, das haben wir schon immer so gemacht…

WAS IST SCHON NORMAL?

Warum sollte jemand weniger verdienen als der Andere, nur wegen seines Geschlechts? Wieso sollten Orte und Räume, die für Menschen gemacht sind, einem nicht kleinen Teil der Menschheit, den Zugang erschweren? Wie kann es richtig sein, dass ich davon profitiere, dass andere ausgebeutet werden? Warum verleugne ich das, worauf mich diskriminierte Menschen aufmerksam machen und bin nicht in der Lage mich darauf einzulassen? Was spricht dagegen, dass jede*r sein selbst so ausleben kann, wie es ihm oder ihr entspricht? Kann es schaden, auch etwas sperrige Formulierungen zugunsten von Minderheiten zu benutzen? Was würde passieren, wenn wir unsere inneren Schubladen öffnen und mal ordentlich ausmisten?

Also, auf geht´s: macht schon mal einen Termin beim Sperrmüll!

 

 

 


Photo by Amir Geshani on Unsplash