127 Views |  1

Arbeit neu denken: Ist Teilzeit das neue Vollzeit?

Die Kolumne Torten der Wahrheit, die wöchentlich in der ZEIT erscheint und in der Katja Berlin Millionen Menschen die Welt erklärt, verschlinge ich regelrecht. Denn sie bietet nicht nur hohen Schmunzelgehalt und ist leicht verdaulich, vielmehr ist sie bespickt mit überraschenden Inhaltsstoffen.

Und was lese ich da diese Woche: es geht um die Frage wann es in deutschen Büros normal ist, Teilzeit zu arbeiten. Die Antwort: Wenn man eine Vollzeitstelle hat.

Viele Arbeits-Stunden verderben den Brei

Woher kommt der Begriff Teilzeit überhaupt? Wer hat ihn wann festgelegt und behauptet, dass 40 Stunden Arbeit in der Woche Vollzeit sind? Ich denke: Teilzeit ist das neue Vollzeit. Wirklich.
BerlinsTorten sagen es und sie sprechen schliesslich die Wahrheit: Keiner, der 40 Stunden die Woche arbeitet ist effektiver, konzentrierter oder fokussierter als eine sogenannte Teilzeitkraft. Also ist doch die logische Konsequenz daraus, dass wir effektiver werden und alle aufhören 40 Stunden die Woche zu malochen.


Spielt Zeit tatsächlich eine Rolle?

Ich hatte irgendwann die Schnauze gestrichen voll davon, als Teilzeit-Mutti bezeichnet zu werden. Allein das Wort Teilzeit war schon eine Beleidigung für mich. Es impliziert quasi, ich würde meine Leistung nicht voll, sondern nur zum Teil erbringen. Weil ich mich und meine Verfügbarkeit teile. Ob die Zeit tatsächlich eine Rolle spielt, stelle ich hier mal in Frage. Relevant ist doch: Was habe ich in der Zeit erledigt? Wie habe ich es erledigt? Deshalb habe ich das veraltete Arbeitszeitmodell hinter mir gelassen und bin dazu übergegangen zu sagen: Ich arbeite Vollzeit 30 Stunden die Woche. Ich verstehe schon, dass der ein oder andere Arbeitgeber gern einen Orientierungspunkt hat, wieviel Zeit in etwa zur Verfügung steht. Daraus ergibt sich schließlich das anstehende Arbeitsvolumen. Aber definiert man dieses letztendlich nicht auch darüber, wie man sein Gegenüber einschätzt? Was er oder sie leisten kann?

In den Industriestaaten nimmt die sogenannte Teilzeitarbeit zu. Auch der arbeitsfreie Freitag taucht immer öfter auf.
Downshifting lautet der Fachbegriff hierfür. Was dahinter steckt? Die Leute nehmen sich Zeit für Eltern, Kinder, Freizeit, Ehrenamt, Weiterbildung und vieles mehr. Eigentlich existiert die Teilzeit nur mit der Vollzeit als Bezugspunkt. Wenn ich also weniger arbeite als der Durchschnitt es tut. Heißt aber auch: Wenn der allgemeine Durchschnitt dazu übergeht generell eher 30 Stunden zu arbeiten, aus welchen Gründen auch immer, dann wird Teilzeit tatsächlich das neue Vollzeit.

Der individuelle Blick ist unerlässlich. Mal wieder. Wir können uns nicht alle über einen Kamm scheren, denn am Ende trennt sich die Spreu immer vom Weizen. Die einen arbeiten schneller, die anderen weniger fix, dafür aber unglaublich exakt. Manche brauchen viel Ruhe und Freiraum, um Ideen zu entwickeln, andere Druck.
Und am Ende geht es doch um die Menschen. Wirtschaftlichkeit hin oder her. Natürlich ist die Arbeit, das Büro, die Agentur, das Unternehmen, wie auch immer man es nennen mag, ein Ort des Wirtschaftens. Aber er ist vor allem ein menschlicher Ort, weil er von Menschen gelebt wird. Der Fokus auf die Menschen macht diesen Ort nicht weniger wirtschaftlich.
Im Gegenteil.


Geheimrezept Mischkalkulation – Mensch-orientiertes Arbeiten

Mensch-orientiertes Arbeiten ist erwiesen effizienter – weil die Arbeit besser und konzentrierter verrichtet wird, weil die Mitarbeiter*innen seltener krank und öfter zufrieden sind und weil das Unternehmen nachhaltig gesund und am Markt erfolgreich bleibt.
Ist es dann womöglich Zeit, die alten Arbeitszeitmodelle zu überdenken? Na und ob! Jede Frau, also potenzielle Mutti, also potenzielle Teilzeitkraft (und heutzutage kommen immer mehr Männer, also potenzielle Väter hinzu) verlöre damit ihre ungewollte Drohgebärde.

Wenn sich Unternehmen auf den Faktor Effizienz konzentrieren und Vertrauensarbeitszeit, Präsenzzeit, Home-Office und ähnliche Zutaten misch-kalkulieren – ist Teilzeit dann vielleicht keine Ausnahme, sondern das ultimative Rezept?

 

 

 

 

 

Photo by Brooke Lark on Unsplash