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Leben zwischen Kulturen und Kontinenten – wie ich nachhaltig lebe, egal wo ich lebe

Ich bin deutsch-argentinisch und wohne in Mexiko. Was ich von vielen Wohnortwechseln gelernt habe – egal wo, man kann immer etwas tun, um auf den Planeten aufzupassen.

Ist das Leben immer so anders?

Menschen gehen zur Arbeit, lieben ihre Familie, haben einen Hund oder eine Katze, teilen Sorgen und Freuden, haben Träume, Wünsche und Pläne. Das Leben ist eigentlich immer sehr ähnlich. 

Sicher, die Details unterscheiden sich. Manchmal nimmt man morgens auf dem Weg zum Büro Brezeln beim Bäcker mit, manchmal Croissants, manchmal warme Tamales (traditionell mexikanisches Gericht, gefüllte Maistaschen). Während ich an einem Ort lokale Äpfel einkaufe, kaufe ich an einem anderen Ort Avocados lokal ein. 

Es gibt wichtigere Dinge als ein Straßenschild

Es gibt verschiedene Realitäten. Es ergibt nicht viel Sinn immer wieder zu vergleichen. Anstatt ständig Unterschiede auszumachen, kann man auch einfach auf Gemeinsamkeiten achten. Mit dieser Erkenntnis kommt eine gewisse Gelassenheit – es gibt wichtigere Dinge als das Vergleichen von Straßenschildern, Telefonnetzen, Öffnungszeiten oder allgemein der Infrastruktur.

Nicht die Schubladen, sondern das Möbelstück zählt

Ich habe erkannt, dass es keinen Sinn ergibt etwas einer Schublade zuzuordnen. Die Schubladen sind nicht immer sehr sinnvoll, und so habe ich beschlossen, anstatt auf Schubladen lieber auf das gesamte Möbelstück zu achten.

Gewohnheiten ordne ich nicht länger einer Kultur, sondern einer Persönlichkeit zu.  Vielleicht ist jemand einfach ein unpünktlicher Mensch, ganz gleich wo sie geboren wurden oder eine Weile lang lebten. Vielleicht mag ich einfach den Planeten und trage deshalb Stofftaschen bei mir, ganz gleich, wo ich groß geworden bin und ob ich in der Schule etwas über Mülltrennung gelernt habe.

Ich habe Menschen gesehen, die ohne vielseitiges Recyclingsystem und Müllabfuhrplan aus dem Stadtanzeiger einen Alltag führen und sich dennoch sehr um die Umwelt sorgen. Ich habe ebenso Menschen gesehen, die mit eben diesen aufgewachsen sind und dennoch weiterhin in vielen, vielen Plastiktüten ihren Wocheneinkauf erledigen.

Die Welt ist klein geworden … 

Zwischen Kulturen und Kontinenten zu leben heißt ‚die Welt ist klein geworden‘. Man bleibt auf einmal nicht mehr unbetroffen, wenn eine Naturgewalt an einem Ort „weit weg“ wütet.

Die Avocados, die an einem Zuhause zu einem Trend geworden sind und fleißig in Bowls serviert, fotografiert und mit Filter überzogen auf Instagram geteilt werden, sind an einem anderen Zuhause ein Grund dafür, warum man sich über die Wasserversorgung Gedanken machen muss. Fair gehandelte Bananen werden nie wieder von „weit weg“ kommen, sie sind plötzlich eine Erinnerung an ein anderes Zuhause.

Wenn man zwischen Welten steckt, dann merkt man, dass man, eben weil sich Details unterscheiden, anders auf den Planeten aufpasst. An einem Ort mache ich Hafermilch, weil Hafer lokal ist. An einem anderen Ort wähle ich alles außer Hafer, weil dieser importiert werden muss. Aber das macht nichts, denn es geht doch letzten Endes darum, dass man aufpasst. Nicht, ob man im Heimat- und Sachkundeunterricht über Recycling sprach und deshalb nun auf den Planeten achtet.

Wir teilen diesen Planeten

Dieser Planet wird geteilt, ein Reisepass ist nie vom Himmel gefallen oder aus dem Boden gewachsen. Wir starten alle in unterschiedlichen Startlöchern – das, worauf es ankommt, ist, dass wir überhaupt starten.

„Europa“ ist ebenso wenig eine eindeutige Einheit, wie es „Lateinamerika“ ist – und über beide existieren so viele Annahmen, dass man sich leicht darin verirrt. An einem Tisch allein können unglaublich viele Realitäten Platz nehmen, jede einzelne eine Geschichte für sich. Warum dann noch länger nach Differenzen und nicht nach Gemeinsamkeiten suchen?

Wir teilen diesen Tisch. Er gehört uns allen gemeinsam und anstelle weiterhin anderen das Essen vom Teller zu picken oder so viel von der Platte zu nehmen, dass nichts mehr für andere übrig bleibt – warum nicht darauf achten, wirklich zu teilen? Und zwar so, dass es für andere reicht – auch für die, die nachdem wir satt geworden sind, hungrig am Tisch Platz nehmen werden.