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Korrigiertes Bürokratendeutsch und die Bedeutung von gendergerechter Sprache

Hannover, eine der deutschen Städte mit dem deutschesten Deutsch, geht mit bestem Beispiel voran. Hannover hat sich an die Spitze der deutschen Genderbewegung katapultiert. Wow! Hört sich spektakulär an. Was dahinter steckt?

Die Stadt Hannover hat entschieden, was die Sprachentwicklung angeht nicht auf Ansagen des Dudens zu warten. Die Angestellten des hannoveranischen Verwaltungsapparates sind ab sofort verpflichtet worden im Idealfall geschlechtsneutral zu formulieren, wenn dies nicht möglich ist, kommt das sogenannte Gendersternchen zum Einsatz.

Klingt eigentlich ganz logisch, dennoch sind über die Entscheidung Hannovers leidenschaftliche Diskussionen entbrannt. Auch in meinem persönlichen Umfeld scheiden sich die Geister: ist genderneutrale Sprache wirklich richtig und wichtig oder völliger Quatsch?

Sind geschlechtsneutrale Formulierungen gerechter?

Das können sie durchaus sein. Sprache hat sozialen und gemeinschaftsstiftenden Charakter. Sie steht nicht nur für Wirklichkeit, sie macht unsere Wirklichkeit tatsächlich wahrnehmbar und sichtbar. Genauso kann sie aber auch einschränken, wenn sie unseren Vorstellungshorizont begrenzt. Es ist wichtig, wie man so schön sagt, „dem Kind einen Namen zu geben“. Nur indem wir Dinge, Visionen und Wünsche benennen, können wir unsere Realität öffnen und erweitern.

Sprache lebt von Nuancen, von Vielfalt. Eine Sprache, die sich nicht entwickelt, ist die Sprache einer Gesellschaft, die sich weigert sich weiterzuentwickeln. Einer Gesellschaft, die stecken bleibt oder sich sogar rückschrittlich bewegt. Mit den Worten, die wir aussprechen, die wir immer wieder neu erschaffen, gestalten wir regelrecht unsere Zukunft. Und in einer Gesellschaft, in der Gender thematisiert und hinterfragt wird, in der Geschlechter über Männer und Frauen hinaus sichtbar werden, entsteht natürlich auch das Bedrüfnis, das sich dies in unserer Sprache widerspiegelt.

Entwickelt sich Sprache immer weiter?

Ja, das tut sie, genauso wie sich unsere Gesellschaft immer weiter entwickelt und verändert. Wortneuschöpfung passiert von selbst, wenn man denn nicht immer nur im eigenen Sumpf rumschwimmt. Raus aus der Komfortzone und rein ins Vergnügen des Unbekannten.

Wortneuschöpfungen offen entgegentreten, sich darauf einlassen, darüber nachdenken, was sie erreichen könnten. Das gendern in der Sprache, also der Versuch sich sprachlich geschlechtersensibel auszudrücken, ist umständlich. Hässlich. Bremst den Lesefluss. Zumindest bis sich die Lesenden daran gewöhnt haben. Es trägt allerdings auch sich wandelnden Lebenswelten und mannigfaltigen wissenschaftlichen Studien Rechnung, die Folgendes belegen: Das generische Maskulinum verstellt den gleichberechtigten Blick auf die Geschlechter!

Heißt im Klartext: wenn wir weiter immer die männliche Bezeichnung als die Übergeordnete beibehalten, laufen wir Gefahr die Gleichberechtigung über die sprachliche Ebene zu torpedieren.

*? Ja genau. Dieses Sternchen gehört übrigens genauso dazu. Ich weiß. Sperrig. Nervig. Neu. Unbequem. Passt irgendwie nicht, weil – sieht blöd aus und war doch bisher auch nicht nötig.

Yep. Alles irgendwo nachvollziehbar, aber hey, die Zeiten ändern sich. Zum Glück. Und deshalb kann sich auch einiges in unserer Sprache ändern. In der Schriftsprache gilt dieselbe Regel, wie auch da draußen: offen bleiben für Andere und Anderes, sich locker machen und einfach mal kommen lassen.

Gibt es Vorgaben um es „richtig“ zu machen?

Ja und nein. Die Linguistinnen Gabriele Diewald und Anja Steinhauer erörtern in ihrem Ratgeber „Richtig gendern“ sehr treffend, dass es bezüglich des gendergerechten Sprachausdrucks keine Normen gibt und geben kann. Es handelt sich nämlich hier nicht um Rechtschreibregeln, die man einfach nur anwenden muss. Es geht vor allem darum auszudrücken, dass wir alle, in der Art und Weise, wie wir kommunizieren, gleich sind. Gleich gesehen werden wollen. Gleich behandelt werden wollen. Gleiche Rechte haben wollen und gleich viel wert sind – demnach gleich viel Sichtbarkeit haben wollen.

Wir brauchen vielleicht Normen, die als Muster dienen. Muster, die den Sprachgebrauch verbindlich ordnen. Was in Hannover derzeit passiert ist vielleicht einfach der Lauf der Zeit. Es ist ein Vor-Zeichen, denn Sprache ist mehrdeutig und wird es auch immer bleiben. Je kreativer sie ist, desto eher wird sie unserer vielfältigen Gesellschaft gerecht.

Wenn man sich dies bewusst macht wird klar: es ist enorm wichtig  über  scheinbare Haarspalterei zu dikutieren. Es wird klar, warum es in Bezug auf Gendergerechtigkeit so unerlässlich ist, neue sprachliche Wege zu gehen. Laut und offen wird von unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen kommuniziert, regelrecht gefordert, was Sprache leisten soll. Dies hat auch Wilhelm von Humboldt schon festgehalten: Sprache soll uns gerecht werden, uns ermöglichen, uns zu verständigen, aber auch in ihr zu leben und in ihr zu arbeiten. Sprache ist von uns Menschen, für Menschen. Und wenn es nicht wenige von ihnen gibt, die hier Veränderungen herbeisehnen, um gerechter behandelt zu werden – dann ist das ihr gutes Recht.

Ist das letzte Wort hier schon gesprochen?

Ganz sicher nicht! Es lässt sich gespannt weiter mitverfolgen, wie sich die Debatten und Diskussionen entspinnen und welche Ansätze gefunden werden, das Alte beizubehalten und doch neue Wege einzuschlagen. Oder vielleicht lässt sich der Eine oder die Andere doch noch dazu hinreissen, sich etwas völlig neues zu überlegen.

Ich erinnere hier an dieser Stelle gern an den von der Dudenredaktion ausgeschriebenen Wettbewerb, um eine (so formulierte es damals der Duden) klaffende Lücke des deutschen Wortschatzes zu schliessen. Es galt damals, das adäquate Gegenteil zu „durstig“ zu (er)finden: Sitt. Kennt ihr nicht? Das Wort hat es tatsächlich nicht in den Sprachgebrauch geschafft…


Ob wir eine Lücke nun füllen wollen oder nicht, entscheiden wir am Ende selbst. Ergo: gendersensibel zu sprechen und zu schreiben ist Haltungssache. Ende.

 

 

 


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