88 Views |  Like

Schräg oder total normal – Egal, Hauptsache authentisch!

Schräg oder total normal – Egal, Hauptsache authentisch! Unsere Kolumnistin Patritzia Widritzki steht voll hinter dieser Aussage. Und jede und jeder ist ja per se erstmal authentisch, da jeder Mensch als Individuum zur Welt kommt. Die Frage ist nur, ob man es im Laufe seines Lebens schafft, dies unbeirrt nach Außen auszustrahlen. Oder ob der gesellschaftliche Druck, so oder so zu sein, die eigene Authentizität verfälscht. Ob wir es schaffen, unsere vermeintlichen Makel zuzulassen. Oder ob wir eine Maske aufsetzen, hinter der wir uns verstecken.

Ich mag Leute, die ein bisschen schräg sind. Also, was heißt schräg, ich meine „eigen“. Sie selbst. Oder wie man so schön sagt: authentisch. Was das aber genau bedeutet, wenn jemand als authentisch bezeichnet wird, ist mir am Ende nicht so ganz klar. Deshalb hab ich die Leute rechts und links neben mir befragt, was die so mit dem Wort „authentisch“ assoziieren: Echt. Stimmig. Überzeugend. Jemand bei dem Haltung und Handlung übereinstimmen. Wenn eine Person nicht fake ist. Aber – woran erkenne ich denn, ob mein Gegenüber no-fake ist?

Authentizität braucht Bauchgefühl, keine Beweise

Ob mir ein Mensch glaubwürdig vorkommt oder nicht, mache ich wohl kaum an irgendeiner Beweislage fest. Es ist vielmehr mein Bauchgefühl, auf das ich mich verlasse. Es hat offensichtlich mit Vertrauen zu tun, ob ich jemandem traue oder nicht. Wenn ich jemandes Verhalten als wahr empfinde, kategorisiere ich diesen Menschen als vertrauenswürdig. Hat Authentizität dann also auch etwas mit meiner eigenen Wahrnehmung zu tun und nicht nur mit der Ausstrahlung dieses Menschen?

Authentisch sein heißt wahrhaftig sein

Ich denke, so ist es. Meine persönliche Bewertung in Bezug auf den Wahrheitsgehalt einer Person spielt eine entscheidende Rolle.
Der Ursprung des Wortes Authentizität bezieht sich auf Echtheit. Im Sinne von, dass man als „Original“ eingestuft wird.

Authentizität braucht Treue, kein Manuskript

Apropos Maske. Ist Donald Trump authentisch? Absolut! In der Art und Weise, wie er auftritt, sein Ding durchzieht und einen Irrsinn nach dem nächsten raushaut, könnte man durchaus behaupten, dass er authentisch ist. Unbeirrt dessen, was die Welt von ihm hält, bleibt er seiner eigenen Linie treu.

Ich denke, wir sind uns einig, wenn ich an dieser Stelle anmerke: er ist sowas wie ein authentischer Faker. Seine Fans schätzen ihn dafür, dass er sagt, was er denkt. Dass er „frei-schnauze“ redet und nicht von Manuskripten liest. Nachvollziehbar. Unabhängig vom Inhalt des Gesagten hat das natürlich was für sich. Er gibt ihnen das Gefühl einer von ihnen zu sein – das macht ihn authentisch. Das Gesagte ist dabei zu großen Teilen Täuschung, Fälschung, Lüge – was ihn gleichzeitig zum Faker macht.

Aber die Authentizität einer Person, hat ja auch nichts damit zu tun, wie viel Sympathie man für sie hegt. Sie hat auch nichts damit zu tun, ob man besonders gut mit ihr kann. Im Gegenteil. Es kann sich abzeichnen, dass man sich alles andere als grün ist. Aber genau hier liegt der Vorteil in authentischen Menschen. Sie gehen mit offenem Visier durchs Leben. Sie zeigen wer und wie sie sind. Und so geben sie jedem die Möglichkeit ziemlich direkt abzugleichen, ob dies der Beginn einer wundervollen Freundschaft ist oder eher einer Liebe auf Distanz.

Authentizität will eigenständig sein, nicht gefällig

Klare Ansagen werden eher als authentisch eingestuft, als Aussagen, die unkonkret und flüchtig sind. Das hat zumindest die Analyse des Wahlkampfs Trump vs. Clinton ergeben. Das Fähnlein im Winde wird dem Fels in der Brandung nicht das Wasser reichen können.

Heißt in Bezug auf Authentizität: Wer felsenfest zu seiner Meinung steht, auch wenn alle anderen dagegen sind, wirkt nun mal authentischer. Anderen nach dem Mund reden wirkt dagegen gefällig und unecht. Wirkt konstruiert und berechnend.

Es ist aber nicht so einfach, immer man selbst zu sein oder zu bleiben. Die Gesellschaft, in der wir leben, hat sehr konkrete Vorstellungen davon, wie wir im Speziellen als Frauen oder Männer zu sein haben. Zudem speieln für die Entwicklung unseres echten Ichs die Erwartungen unserer nächsten bezugspersonen eine entscheidende Rolle.

Wer kennt sie nicht, die Sätze, die sich in unser Gehirn eingebrannt haben: „Iss auf! Du willst doch ein großer und starker Junge werden?“. Die Rollenzuschreibung, die sich hier wiederfindet, ist die vom großen und starken Mann, dem Beschützer und Leithammel. Die Erwartung: Dieser Junge soll später mal seine Familie ernähren und versorgen können. Und wie sehr das einen jungen Mann, der vielleicht sensibel und introvertiert ist, aus seiner eigenen, echten Bahn werfen kann, muss ich an dieser Stelle sicher nicht erklären. Oder die Ewartung etwas handfestes mit Zukunft zu studieren, anstatt Kunst oder Musik.

Die Erwartungshaltung ist groß und wird uns quasi von Kindesbeinen an eingetrichtert. Tröpfchenweise sickern die sogenannten Rollenzuschreibungen und Erwartungen als Glaubensmuster im Laufe unseres Lebens in unser Unterbewusstsein und unterbinden mitunter unser wahres Ich. Die Lösung heißt: Sich befreien, von Erwartungen und  Glaubenssätzen, die in vielen Fällen gar nicht die unseren sind!

Und wenn wir als Gesellschaft mehr Echtheit und weniger Fake suchen, sollten wir alle ordentlich Druck ablassen. Wir sollten den Menschen mehr Freiräume lassen, um ihr individuelles Potenzial entfalten zu können. Makel und Macken akzeptieren und wertschätzen. Auch, und besonders bei uns selbst. Denn da können wir am einfachsten und am besten sofort anfangen und zu Vorbildern für andere werden.

In diesem Sinne: Leben und leben lassen!