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Mobbing? Wir müssen darüber reden!

Ein tragischer Vorfall ereignete sich vergangene Woche in Berlin: Ein elfjähriges Mädchen nahm sich das Leben – vermutlich aufgrund von Mobbing-Attacken. Jeder sechste Schüler wird regelmässig Opfer von Mobbing. Etwa 20 Prozent aller Jugendlichen sind mit Mobbing konfrontiert – als Opfer oder Täter.

Was ist hier eigentlich los? Gibt es etwa an jeder Schule Mobbing? Ja, sagt der Psychiater Prof. Dr. Gerd Schulte-Körne, definitiv an jeder größeren Schule.

Und deshalb, findet Patrizia Widritzki, müssen wir unbedingt über das Thema Mobbing reden!

Das Schlimmste an Mobbing in Schulen: es hört nicht einfach von selbst auf. Weder, wenn man den oder die Täter von der Schule verweist, noch wenn man das vermeintliche Opfer aus der Schusslinie nimmt. Schon gar nicht, wenn man die ganze Sache ignoriert und abwartet. Übrigens auch nicht nach Schulschluss: WhatsApp, Snapchat und Instagram verfolgen die Betroffenen nach Hause, bis ins Kinderzimmer, in die Wochenenden, einfach überall hin. Cybermobbing bietet vielfältige Möglichkeiten des Mobbings.

Wer kann bei der Mobbing Bewältigung helfen?

Ausschlaggebend für Mobbing sind nicht die Merkmale der Person, die gemobbt wird. Es sind Gruppennormen, die Jugendliche am oberen Ende der Hierarchie festlegen. Das Streben nach Dominanz ist die treibende Kraft.

Mobbing ist ein komplexes Geschehen, in dem nicht nur Opfer und Täter in einer Beziehung zueinander stehen, sondern auch vermeintliche Außenstehende.

Und jene (scheinbar) nicht Beteiligten sind beispielsweise Lehrkräfte. Diese Gruppe sollte man jedoch mit der Aufgabe, Mobbing festzustellen und in Folge zu bewältigen, keinesfalls alleine lassen. Sozialarbeiter und Schulpsychologen, so rät Gerd Schulte-Körne, wären adäquate Fachkräfte, um Lehrer zu unterstützen.

Wie geht man gegen Mobbing vor?

Das Leitwort, um gegen Mobbing anzugehen lautet Konfliktbewältigung. Das bedeutet nichts Geringeres als die konsequente Arbeit mit allen Beteiligten einer Gruppe: der Klasse sowie Lehrerinnen und Lehrern. Dazu gehören das Aus- und Ansprechen von Problemen und Konflikten und gezielte Fragen: Wer ist weshalb in eine bestimmte Rolle oder Position geraten? Wie geht die Gruppe mit einer derartigen Situation um und wie kann es weitergehen? In welcher Art und Weise kann oder muss jeder Einzelne Verantwortung übernehmen?

Dieser Prozess verlangt Einsatz, Geduld, Zeit und Kraft, resultiert aber in der Chance für die Klasse, sich gemeinsam weiterzuentwickeln.

Mobbing keine Chance geben – Aber wie?

Was uns als Gemeinschaft und Individuen stark macht, ist Empathie. Das Vermögen sich in Andere hineinzufühlen. Sich vorstellen zu können, wie sich der oder die Andere fühlt.

Eine Grundvoraussetzung für Empathie ist das eigene Selbstwertgefühl. Wenn ich mich und meine eigenen Gefühle kenne und einschätzen kann, bin ich auch in der Lage emotional auf andere einzugehen. Dann kann ich erahnen, dass hinter den Handlungen anderer, vielfältige Kontexte stecken können, die für mich nicht sichtbar sind. Das können zum Beispiel Erlebnisse sein, die lange zurückliegen, noch in die aktuelle Situation verflochten sind und das Verhalten meines Gegenübers maßgeblich beeinflussen. Persönliche Geschichten, die den individuellen Fahrplan jedes Menschen lenken und ganz und gar von meinem eigenen abweichen können.

Warum muss über Mobbing gesprochen werden?

Weil das Verschweigen ein Thema zum Tabu machen kann. Und vor Tabus verschließt man bekanntlich gern Augen und Ohren. Vielleicht einerseits, weil es unangenehm ist darüber zu sprechen und andererseits, weil man ahnt, indirekt irgendwie involviert zu sein.

Aber die Praxis des „Nichts-Sagens, Nichts-Sehens und Nichts-Hörens“ kann uns gradewegs zu einer Gesellschaft werden lassen, der es an Zivilcourage mangelt. Diese brauchen wir aber dringend, um Mobbing  entgegenzuwirken, damitJugendliche mehr Selbstwertgefühl und weniger Zukunftsangst haben, damit sie besser schlafen können und sich nicht damit beschäftigen müssen, ihre Ellbogen auszufahren.

Befeuert die Digitalisierung Mobbing?

Die Digitalisierung ist weder Ursache noch Symptom. Selten sind die Werkzeuge selbst Schuld daran, wenn sie mißbraucht werden, sondern das Unvermögen jener, die sie benutzen. Was wir also schleunigst nachholen sollten ist Folgendes: die Fähigkeit, vor allem junger Menschen, zu stärken, werteorientiert und reflektiert zu handeln, Konflikte zu lösen und mit anderen Menschen konstruktiv und sozial zusammenzuleben. Das gelingt am Besten, indem wir Erwachsenen vorbildhaft handeln und es ihnen vorleben. Heranwachsende müssen selbst erfahren, was unsere demokratischen Werte ausmacht und was es bedeutet, unterschiedliche Standpunkte zu diskutieren und Verantwortung zu übernehmen.

Kann die Schule uns doch vor Mobbing bewahren?

Das ist durchaus kein unrealistisches Ziel bzw. keine Utopie.
Ich war mit meiner Tochter beim Tag der offenen Tür eines Gymnasiums und wir besuchten eine offene Schulstunde: Politik. Wir wollten wir uns unbedingt ansehen, wie in der fünften Klasse Politikunterricht aussehen kann. Wir verblieben positiv überrascht und überzeugt, haben uns letztendlich doch für eine andere Schule entschieden.

Was mir so positiv in Erinnerung geblieben ist, war die wertvolle Zeit, die die junge Lehrerin mit ihrer Klasse zugebracht hat, um in einer simulierten Konfliktsituation, in kleinen Gruppen, ein Rollenspiel zu erarbeiten. Die Schüler sollten unterschiedliche Perspektiven einnehmen und offen diskutieren. Es ging darum, sich in andere hineinzuversetzen, Argumente zu sammeln und die Krise in gemeinschaftlicher Verantwortung zu lösen.

Nicht zum ersten Mal wünschte ich mir daher, den zweimal die Woche stattfindenden Religionsunterricht, zu streichen. Selbstverständlich nicht ersatzlos, jedoch zugunsten einer Doppelstunde Gesellschaftsunterricht, um unsere demokratischen Werte, die wir Gott sei Dank noch haben, zu pflegen.

 

 

 


Photo by Kyle Glenn on Unsplash