195 Views |  1

Über den Papst, Vielseitigkeit, und warum vegan nicht gleich nachhaltig ist.

Generell finde ich weltweite Kampagnen, die zum Klimaschutz aufrufen, toll. Die Kampagne aber, den Papst dazu aufzurufen, sich während der Fastenzeit vegan zu ernähren, ist höchstens ein Schuss nach hinten. Wenn nicht sogar ein wenig frech.

Vegan ist nicht gleich nachhaltig 

Eine vegane Ernährung kann großartig sein, um den eigenen ökologischen Fußabrdruck zu verringern. Sie ist meist Zeichen dafür, dass man sich bewusst mit der Ernährung auseinander gesetzt hat. Das trifft allerdings nicht immer zu – viel zu oft werden vegane Produkte beworben, die nicht ganz so nachhaltig sind, wie es auf den ersten Blick erscheint.

Eine uninformierte vegane Ernährung, darunter fällt zum Beispiel die Avocado auf dem Toast, kann schnell genau das Gegenteil bezwecken, als das Klima zu schützen.

Die Kampagne lässt diesen Aspekt leider völlig außer Acht: vegan ist nicht gleich nachhaltig.

Vegane Ernährung – wirklich immer für alles eine Lösung?

Der Hype um den Vegan-Lifestyle in Europa ist in vieler Hinsicht  verantwortlich für die Zerstörung von Lebensräumen und Ökosystemen in anderen Teilen der Welt. Darunter fällt auch Lateinamerika – und somit die Heimat des Papstes. 

Argentinien ist auch mein Zuhause und ich werde den Papst immer als Landsmann sehen, in der Hoffnung, die Stimme und Sicht Lateinamerikas vertreten zu wissen. Das finde ich wichtig, auch im Hinblick auf eine vegane Ernährung – diese selbst ist nämlich nicht immer eine Lösung für alle Realitäten, die es auf der Welt zu finden gibt.

Vegane Ernährung – ein Phänomen der ersten Welt?

Anthony Bourdain meinte einmal – eine vegane Ernährung sei ein Phänomen der ersten Welt.  

Argentinien ist ein gastfreundschaftliches und farbenfrohes Land. Seine Hauptstadt mit den erhabenen Hausfassaden wird oftmals als das kleine Europa Lateinamerikas bezeichnet. 

Argentinien hat ein Armutsrate von 30% und eine extreme Armutsrate, die bei 7% liegt. Deutschland hat keine Rate der extremen Armut. Alle könne zum Arzt, alle können sich operieren lassen, alle können in die Schule gehen. 

Das Land im Süden des lateinamerikanischen Kontinents wird nicht der ersten Welt zugeordnet. Gelegentlich führt das zu vorschnell gefällten Urteilen – Südamerika ist nicht per sé unsicher, und man kann, auch als Frau, sehr wohl alleine reisen.

Wer touristisch nach Buenos Aires reist, mag am Busbahnhof Retiro vorbeikommen. Direkt daneben ist ein sehr buntes Viertel, eine Villa (sprich: Wija bzw. Wischa). Man mag es mit einer „Favela“ vergleichen, ein Wort, das im Deutschen eher ein Begriff ist. Es ist ein Viertel der Armut. Davon gibt es in Buenos Aires einige – sie tragen keine eigenen Namen, sondern lediglich eine Nummer. Wenn ich mich richtig erinnere, ist das neben dem Busbahnhof betitelt mit der Nummer 13.

Es wird am Busbahnhof Retiro einiges an Essen und Snacks verkauft – nicht unbedingt vegan. Darüber zu urteilen wäre ein Urteil à la Marie Antoinette. Man kann einem Mädchen, das Schokoladenriegel verkauft, durchaus sagen: Ich esse nur, wenn es vegan ist. Man müsse nur auch mit einer Antwort klarkommen, die etwa so klingen könnte: Ich esse nur, wenn ich Geld dazu habe, weil ich genügend Schokoriegel verkauft habe.

Ob eine vegane Ernährung an sich ein Phänomen der ersten Welt ist oder nicht, sei dahin gestellt – man sollte nur nicht vorschnell urteilen und sich daran erinnern, dass es eine unglaubliche Freiheit ist, darüber entscheiden zu können, was man isst.

Auch vegane Produkte können umweltschädlich sein 

Sich vegan ernährende Menschen sind nicht davon ausgenommen, auch ihr eigenes Konsumverhalten immer wieder kritisch in Frage zu stellen. Zu schnell wird online verurteilt, zu einfach ist es, verletzende und uninformierte Kommentare zu hinterlassen. 

In Plastik eingepackte Wurst ist nicht nachhaltig. Vegan zu sein, aber  mit chemischen Zusatzstoffen versehenen Käse  zu konsumieren, erlaubt nicht, über jemanden zu urteilen, der mit dem Fahrrad ein paar frische Eier beim Bauern im Dorf abholt.

Große Konzerne haben den Hype um den Veganismus erkannt, und zum Beispiel veganes Eis am Stiel auf den Markt gebracht. Ist die Schokolade fair gehandelt? Ist es deshalb nicht mehr in Plastik eingepackt?

Zu schnell ist das Label „vegan“ zu einem alles entschuldigendem Gütesiegel geworden. Vegan zu sein und mit einem Langstreckenflug auf Weltreise  gehen – im Endeffekt aber doch nur drei asiatische Länder zu besuchen – ist  kein Vorbild für einen nachhaltigen Lebensstil. Wir teilen uns diesen Planeten. Niemandem ist mit Instagram Bildern an Hotelpools auf den Malediven geholfen, wo ein veganer Smoothiebowl im Fast Fashion Bikini genossen wird.

Kaum Steak. Dafür viel Soya.

Gehen wir zurück nach Argentinien, in die Heimat des Papstes. Argentinien exportiert mehr Soya als Steak. Hier könnte ein Fleischverzicht durchaus Sinn ergeben. Denn ein Großteil der angebauten Soyapflanze wird zu Tierfutter verarbeitet. Die Nachfrage hierfür ist auch in Deutschland groß.

Ein anderer Teil wird für die Herstellung von Biodiesel benutzt. Salopp gesagt, könnte man den Papst ebenso dazu aufrufen, während der Fastenzeit auf das Papamobil zu verzichten.

Soya ist eine Monokultur, die verantwortlich für die Rodung von Wäldern und Zerstörung von Ökosystemen ist. Viel der etwas 18-stündigen Strecke von Buenos Aires bis an die westliche Landesgrenze zu Chile ist mit Soyapflanzen bedeckt.

Der chemische Dünger, der eingesetzt wird, um der gigantischen Nachfrage gerecht zu werden, verursacht bei all jenen, die in der Gegend wohnen, oder auf Feld am Soyaanbau beteiligt sind, irreversible Krankheiten und Fehlbildungen bei Neugeburten.

Eine Ernährung mit Verzicht auf oder geringem Konsum von  Fleisch ist noch keine vegane Ernährung – aber bereits ein großer Einsatz dafür, den eigenen Fußabdruck zu verringern. Vergessen wir nicht, dass ein nachhaltiger Lebensstil jeweils anders aussehen kann und darf.

Lassen wir Veganismus nicht zu einer Religion und einer einzig geltenden Wahrheit werden, die das Recht hat, über andere zu urteilen, oder Forderungen zu stellen. 

Avocado on Toast ist alles andere als Klimaschutz

Man muss nur ins Nachbarland Chile fahren, um zu sehen, was für Konsequenzen der vegane Liebling Avocado-on-Toast hinterlassen hat. In Chile haben die Menschen unter Wassermangel zu leiden, wegen einer wachsenden Nachfrage an Avocados in Europa.

Wassermangel gibt es in Deutschland praktisch nicht. Man kann, wenn man wollte, aus dem Wasserhahn trinken. Ich wurde dafür oft belächelt und habe gelernt: es wird dennoch  weiterhin Wasser in Plastikflaschen gekauft, unter anderem Marken von Unternehmen, die Brunnen blockieren und das Wasser  lokaler Siedlungen stehlen. Mädchen gehen nun nicht mehr zur Schule, sondern mehrere Stunden zur nächste Quelle mit sauberem Wasser.

Mexiko ist ebenso betroffen vom (westlichen) Fanatismus für „Avo-on-Toast“. Was man gerne vergisst – in diesem Teil der Erde hat man schon immer Acovdaos gegessen. Ist es fair, dass Ansprüche einer andere Region zu  negativen Auswirkungen im eigenen Land führen?

Superfood ist nicht so super

Chia, Quinoa, Kakaonibs und Erdnussbutter  sind einige Beispiel für Produkte, die in Europa in Verbindung mit einer veganen Ernährung eine unglaublichen Marketingfocus genießen. Chia aß man in Argentinien praktisch schon immer – ebenso Quinoa, weiter nördlich in der Andenregion.

Kakao wird unter anderem  im Süden Mexikos angebaut. Ist es wirklich nachhaltig, Kakaonibs nach Deutschland importieren zu lassen, nur, um den Smoothiebowl zu verzieren?

Auch die Erdnussbutter ist nicht ganz so unschuldig –  sofern nicht selbst gemacht, steckt meist Palmöl in Erdnussbutter. Wir alle wissen, dass Palmöl für die Rodung von Regenwäldern verantwortlich ist.

Vegan ist keine Garantie für den Klimaschutz und ein nachhaltiges Handeln.  Eine vegane Ernährung kann verantwortlich für die Zerstörung von Lebensräumen sein.

Man sagt, Papst Francisco habe öfter ärmere Gegenden besucht.

Es kann sehr verletzend sein, wenn aus einem Land, das keine extreme Armut kennt, und dessen Ansprüche noch dazu verantwortlich für die Zerstörung des Lebensraums in der eigene Heimat sind, plötzlich weitere Forderungen kommen, welchen plötzlich die ganze Welt nachkommen soll. Noch verletzender ist es, wenn das ganze unter der Flagge des Klimaschutzes geschieht. 

Ein Nachhaltiger Lebensstil ist mehr als ein Hashtag 

Ein Zeichen für den Klimaschutz geht über einen Hashtag hinaus.

Wenn ihr euch für einen nachhaltigen Lebensstil entscheidet, so informiert euch.  Lest. Hört euch eine (viele!) andere Sicht der Dinge an. Hinterfragt. 

Fragt euch, woher das Essen kommt, das auf euren Tellern landet. Esst nicht Avocado, nur, weil es ein Trend ist. Ersetzt Quinoa durch Hirse, und lasst die Chiasamen dort, wo sie angebaut werden.

Vergesst nicht, dass ihr aus einer privilegierten Gegend der Welt kommt. Hört euch Geschichten anderer an, die nicht aus dem gewöhnten Umfeld kommen, und lasst diese Perspektiven ebenso gelten; setzt sie auf die selbe Ebene, auf die ihr eure eigene setzt.

Ein Zeichen für den Klimaschutz ist auch: Gemeinsamkeiten sehen

Und auch – geht nicht mit Mitleid in Regionen, in denen die Infrastruktur, mit welcher man vielleicht aufgewachsen sein mag, keine Selbstverständlichkeit ist. Begegnet Kindern, die an der Ampel die Scheibe des Autos putzen, in welchem ihr sitzt, nicht mit Mitleid sondern mit Neugierde, mit Offenheit, mit einem kritischen Hinterfragen eigener Gewohnheiten und Lebensweisen – und vor allem, mit einem aufrichtigem Mitgefühl . Wohl wissend, dass keine Welten zwischen euch liegen, sondern nur eine sehr dünne Autoscheibe, die durch einen winzigen Kieselstein jederzeit zerbrechen kann.

Ganz egal welche Entscheidung der Papst trifft, ich werde nicht darüber urteilen.

Ich hoffe nur, dass keine weiteren Kampagnen eintreffen, die generalisieren, eine einzige Sicht der Dinge repräsentieren, und eine einzige Narrative weiterhin bekräftigen. Die Welt ist bunter, als das. 

 

 

 


 

Photo by Zack Minor on Unsplash