322 Views |  1

Meine Stimme gehört mir – und doch wird sie mithilfe von Apps & Co. durchleuchtet

Traue keiner Alexa….

In diesem Artikel liest du,

  • wie Computerprogramme zukünftig deine Stimme auf deine Persönlichkeitsmerkmale analysieren,
  • wo sie bereits eingesetzt werden und
  • was du tun kannst, um deine Stimmdaten nicht zukünftig wahllos ins Netz zu senden.


Zukunftsszenario Nr. 1:

Stell dir vor:

Du bewirbst dich auf einen Job, den du gerne hättest und für den du auch gut qualifiziert bist. Nach Einreichen deiner Bewerbungsunterlagen wirst du gebeten, dich 15 Minuten mit einem „Computer“ am Telefon zu unterhalten.

Ein nettes Gespräch. Ein wenig seltsam kommt es dir vor. Der Computer plaudert mit dir.

„Wo ging dein letzter Urlaub hin?“

„Wie sieht ein typischer Sonntag für dich aus?“

“Erzähle mir von deiner Arbeit.“

Dann erfolgt nach einer Woche die Absage, die weder an fachlicher wie menschlicher Qualifikation liegt. Deine Stimme wars. Sie hat dich verraten.

Der Computer hat aus ihrem Klang herausgelesen, dass du zwar ein sehr offener Mensch bist, dich aber schlecht abgrenzen kannst. Außerdem bist du unterdurchschnittlich risikobereit. Dein Burnout, das du vor einigen Jahren hattest, hat der Computer auch sofort registriert.

Was er nicht weiß ist, dass du diesen als Chance für dich genutzt hast. Dein Leben zum Positiven verändert. Mittlerweile eine gute Worklifebalance beherrschst.

Er meldet der Firma: risikoreich. Und du wirst nicht mal eingeladen.

Klingt nach Science Fiction?

Falsch gedacht.

Das Unternehmen Precire aus Aachen bietet solche Stimmchecks bereits an.


Zukunftsszenario Nr. 2:

Du und dein Partner…ihr beschließt, zu einem Paartherapeuten zu gehen, denn ihr möchtet gerne die aktuelle Krise überwinden und gemeinsam an einer Zukunft bauen.

Der Therapeut zeichnet eure Stimmen auf und eine App analysiert sie. Alles kommt ans Tageslicht. Wann lügt wer? Wie stark ist euer Gefühl füreinander? Ist einer von beiden fremd gegangen?

Abschließend kann das Programm eine Wahrscheinlichkeit errechnen, wie hoch das Risiko ist, dass ihr nicht mehr zueinander findet. Oder ob ihr eine gute Chance habt.

Programme, die das können, existieren bereits. Und sie sind wesentlich treffsicherer in der Einschätzung als ein Therapeut, der ein Jahr intensiv mit euch arbeitet.

Unsere Stimmen werden ausgelesen und die Informationen verarbeitet

Photo by Adrianna Calvo on Pexels.com

Im Zeit-Artikel „Die Seele auf der Zunge“ erscheinen beide genannten Beispiele.  Und noch mehr.

Er erzählt von Klaus Scherer, dem Pionier der Stimmforschung über die Firma von Björn Schuller, dem Unternehmer mit der App Audeering, die Gefühle in der Stimme analysiert.

Und von Amazon. Das Unternehmen hat ein Patent darauf, Emotionen und sogar Krankheiten aus der Stimme herauszulesen. Alexa soll immer mehr auf Gefühle reagieren und wartet den Moment ab, in dem du „schwach“ wirst, um dir die entsprechende Werbung auszuspielen – für Produkte, für die du anfällig bist.

Und die Krankheiten: Die sind für die Krankenversicherung ja sehr interessant. Da musst du dich nicht wundern, dass du einen hohen Beitrag zahlst, weil der Computer deine Anfälligkeit für Depression erfasst hat.

Eine Frage der Werte!

Leute, mich gruselt es. Das geht für mich nicht, denn:

Der Computer übermittelt dem zukünftigen Chef wesentlich mehr Informationen, als ihm im Rahmen der zu treffenden Entscheidung zustehen. Klar kann man ihm zugestehen, sich ein Bild vom Bewerber zu machen, ob der z.B. risikobereit genug ist für die fordernden Aufgaben, die ihn erwarten. Was der Chef aber nicht wissen muss, ist, wie es im Privatleben des Bewerbers aussieht. So etwas kann der Computer aber nicht entscheiden. Er spuckt brav alle Informationen aus. Einschließlich Liebesleben und Co.

Diese Technologie hat außerdem das Potential, unser soziales Miteinander vollends zu vergiften.

Ich stelle mir soziale Horroszenarien vor. Wenn es Apps zu Stimmanalyse für jedes Handy geben wird, dann sitzen Paare im Streit abends zusammen und lassen die Ehrlichkeit des Anderen analysieren. Freunde checken sich ab. Erst als Spiel. Und dann…?

Das sollte, das muss öffentlich diskutiert werden.

Nicht, dass wir hier plötzlich damit konfrontiert sind, dass man uns die Freiheit des Selbstausdrucks nimmt und unsere Stimmen gegen uns verwendet.

Unsere Stimme drückt Gefühle aus. Das ist lebenswichtig.

 

Dass unsere Stimme alles ausdrückt, was wir sind, ist normal. Das begegnet mir in meiner Arbeit als Stimmtrainerin täglich. Auch, dass Gefühle die Stimme verändern, ist normal.

Dass Stimme wirkt, damit arbeite ich. Im positiven Sinn.

Ich unterstütze Menschen, ihre Stimme frei zu führen und auf natürliche Art, charismatisch zu werden. In diesem Zug kommen persönliche Themen sowieso mit aufs Tapet. Und haben eine Chance, verarbeitet zu werden.

Depression verändert die Stimme. Hormone verändern sie. Stimmung und Stimme haben denselben Wortstamm.

Dass unsere Stimme uns spiegelt, ist ganz natürlich und hat evolutionär gesehen einen Sinn. Der liebe Gott hat sich was dabei gedacht, nicht wahr?

Wir teilen uns mit. Durch Worte und durch Stimmklang.
Wenn wir einander gut kennen, hören wir an der Stimme, wie es dem Anderen geht. Auch wenn er sagt „geht mir gut“, bleibt dann manchmal ein Wissen: Stimmt nicht. Dann kann ich als zugewandter Menschen nachfragen ,,Du, hast du was?“ und so die Tür aufmachen für echten, wahrhaftigen Austausch.

Ich kann aber auch „heraushören“: Dem geht’s gar nicht gut, will es aber nicht sagen. Also bin ich als Freund einfach mal da und bohre nicht nach. Dann kann ich fragen: „Was hältst du von Kino? Du und ich? Freundeabend?“ Und sorge somit gut für diesen Menschen.

 

Man nimmt uns das Persönlichste, was wir haben!

Photo by Tim Gouw on Pexels.com

Computer perfektionieren eine Gabe, die wir Menschen intuitiv auch ein Stück weit haben. Eine Gabe, die wir auch trainieren können und sollten, um einander sensibler zu begegnen.

Das Problem: Der Computer mit seiner Analyse wird jetzt in den falschen Händen gegen uns verwendet, indem man unsere Schwachpunkte ausliest und wir noch mehr zu gläsernen Menschen werden. Und jetzt das Persönlichste angetastet wird, das wir haben: Die Stimme.

Ich darf dann nicht mehr entscheiden, wie viel ich von mir preisgebe. Aber genau das, ist mein gutes Recht! Diese Freiheit mag ich mir nicht nehmen lassen.

Ja, wir Menschen verfügen über Mechanismen, um zu verbergen, was wirklich los ist.

Und ich finde das verdammt noch mal legitim. Ich darf entscheiden, wer, wie viel über mich erfährt.

Mich gruselt’s bei dem Gedanken, was passieren könnte, wenn ich das nicht mehr darf.


Der Computer perfektioniert, was ausgebildete Stimmtrainer bereits können

Er kann aber nicht moralisch mit den Informationen umgehen. Er gibt sie einfach preis.

Ich habe eine Stimmtrainerausbildung am Institut für Integratives Stimmtraining absolviert.
In meiner Ausbildung haben wir gelernt und geübt, aus der Stimme herauszuhören, was ihr „fehlt“ und damit, was sie von uns „braucht“. Damit auch zu hören, was der Mensch jetzt braucht, um sich in einer Atmosphäre von Sicherheit weiter entwickeln zu können.

In dieser Arbeit geschieht das immer aus Wertschätzung und einem liebevollen Menschenbild heraus. Niemals würde ich das, was ich wahrnehme, gegen meinen Klienten verwenden. Eher nutze ich es, um noch wertschätzender sein zu können. Bei mir ist das gut aufgehoben. Ich schweige über alles, was in den Coachings geschieht. Außerdem bin ich mir dessen bewusst, dass man auch aus meiner Stimme Themen herauslesen kann. Jeder hat sie. Da wünsche ich mir ja auch liebevollen Umgang mit diesen Informationen.

Unsere Freiheit im Selbstausdruck wird untergraben.

Unsere Stimme ist so ein wunderbares Instrument. Meine ganze Liebe gilt täglich Menschen und ihrem Instrument. Gilt dem Bestreben, einen körperliche Zugang zur Stimme zu vermitteln. Einen Zugang, der zu Selbstakzeptanz und Selbstwert führt. Zu Authentizität und dem Erleben von Glück im Selbstausdruck. Singend oder Sprechend.

Dieses Wohlgefühl wird untergraben, wenn Menschen zukünftig mit Sorge kommen. Und mich bitten, ihnen diesen oder jenen Tonfall abzutrainieren, weil die Computerananlyse das als nicht karriereförderlich einstuft.

Puh. Jetzt muss ich atmen gehen. Durchatmen.

Denn vielleicht ist das bald vorbei. Das wunderbare Atmen mit den Kunden. Das Befreien der ureigenen Stimme. Mit allem, was du bist. Denn dann bist du echt. Dann bist du du. Und das ist solch ein Zuwachs an Lebensqualität.

Wollen wir uns das nehmen lassen?

Photo by Fabian Hurnaus on Pexels.com

Ich bin DAGEGEN!!!!

Ich bin dagegen, dass meine Stimme missbraucht wird.

Dass ich durchleuchtet werde.

Ich habe keine Alexa. Und ich sehe jetzt, dass Sprachsteuerung zu Datensammeln der besonderen Art wird. So easy Sprachsteuerung und Voicenachrichten sein mögen: Ich plädiere für eine Kultur des Schreibens.

Die Vorteile:

  • Ich gebe damit keine Stimmdaten von mir mehr frei (Wenigstens die nicht ;-)).
  • Ich fasse mich automatisch kürzer.
  • Ich bin achtsamer mit meinen Äußerungen.

Wer macht mit? Zurück zum Whatsappschreiben statt Aufsprechen? Abschalten der Sprachsteuerung am Handy. Keine Diktierfunktion mehr.

Hm…ich glaube, das würde überhaupt allgemein einfach entschleunigen.

Es wäre definitiv einen Versuch wert.

Schreib mir gerne deine Gedanken dazu! Auf Instagram haben wir bereits darüber diskutiert.

Alles Liebe, deine Antje von Stimme Nürnberg

 

 

Mit dem kommenden Workshop setzen wir Zeichen gegen Manipulation unserer Selbst. Es geht um Authentizität und Kraft in der Stimme.

Wenn dich das interessiert, findest du hier die Infos.

Photo by Gabriel Matula on Unsplash