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Lebe deinen Dialekt! – Authentizität im Business

Da war er wieder. Der fade Geschmack, sich getroffen zu fühlen. Vor Peinlichkeit zu erstarren, nicht genug zu sein.

Warum? Ich hielt eine Präsentation über ein Kolonialthema – und zwar in perfektem Hochdeutsch, wobei ich mir selbst  äußerst künstlich vorkam, bis die Fragerunde begann.

Hier trennte sich offenbar die Spreu vom Weizen. Ganz selbstverständlich beantwortete ich die Fragen im Dialekt, weil das meine urnatürlichste Form ist zu sprechen. Das, was aus mir fließt. Weil ich es nicht anders möchte und nur unter Schmerzen und Verbiegen anders kann. Gesellschaftliche Regeln im Kopf und frei nach Schnauze im Herzen. In akademischen Kontexten lauerte ich daher stets in Hab-Acht-Stellung. Nach außen: Studierende an einer renommierten Uni, nach innen: „Mist, hoffentlich hört mich keiner sprechen.“

Was im Vortrag noch „schön klang“, brach spätestens in der Diskussionsrunde zusammen, wenns ans Eingemachte ging – an Empfinden, an Fühlen und letztlich auch an leidenschaftliche Argumentation.

Momente vor meinen Augen, wie diese Ausdrucksform immer wieder mit Lachen quittiert und der Inhalt lapidar abgetan wurde; ich schambehaftet versuchte, die Situationen innerlich als „nicht geschehen“ einzuordnen, mich ungerecht behandelt fühlte – im Rückblick ein unglaublich hoher Energieaufwand!

Dialekt ist Persönlichkeit

Dialekt hat an der Uni nix zu suchen.

Ein Glaubenssatz, der sich einprägte, durch mein „professionelles Arbeitsleben“ zog, spektakulär gekünstelte Hochdeutsch-Manöver in Vorstellungsgesprächen bereit hielt und für mich in unumstößlich jeder Situation einzig folgende Message bereit hielt:

So wie du bist, bist du nicht richtig.

Ganz ehrlich, Leute! Heute sage ich: Scheiß‘ drauf!

Wenn ein Dialekt über Inhalt entscheidet oder –Kompetenz-, wie sie u.a. in akademischen Kreisen gern hochgehalten wird, frage ich:

Was zählt die Herzenskompetenz?

Die Hingabe zu einem Thema?

Die Leidenschaft und das, was wir aus unserem Inneren dazu fühlen?

Und davon ab, wie genial, einen rationalen Fakt in einer einzigartigen Mundart zu hören, wie dieser jeweilige Mensch mit der Information arbeitet und sie individuell verpackt!

Wie oft haben wir schon Redner*innen zugehört und sind nach vorne gekippt vor Langeweile? Schön in hochdeutsch gesprochen? Ja. Schön einschläfernd gesprochen? Ja.

Die Kompetenz nach Dialekt zu beurteilen, sagt Spannendes über die Person aus, die es tut. Die Keule der gesellschaftlichen Norm schwingt unmittelbar, wie „Wissen“ aufbereitet sein sollte. Was geht, was nicht. Und auch klar, wem man sich durch die Spezifizierung von Intellekt zugehörig fühlt. Aus meiner Sicht bringt das elitäre Trennung und Ausschluss mit sich. Wie, wenn die Teilnehmenden in einem Improtheaterstück jegliche Spielangebote ablehnen würden. So blieben die Szenen stecken. Wenn Lähmung eintritt, kann Kreativität nicht reifen, sich der Ball nicht zugespielt werden, wir nicht wachsen, unsere wundervolle Gabe nicht in die Welt getragen werden. Wenn wir uns aus Angst hemmen, zu sprechen, in unserem natürlichen Fluss, wird’s zappenduster!

Nicht nur unsere Stimme versiegt dann, sondern auch unsere wahrhaftige Stimme.

Dialekt ist Authentizität, Identität, Geschichte in einem. Persönliche Note, Auskunftgeber, im besten Falle Sympathieträger, stellt Beziehung her, verbindet, verleiht Gruppengefühl.

Mindsetfalle ahoi!

Selbstredend schlägt die Mindsetfalle zu, schneller, als uns lieb ist! Denn wie es in den Wald hineinruft, …

So erlebte ich mich damals als versteckend, zurückhaltend, unfähig, mich zu zeigen. Als zu sehr „Gosse“. Denn sind wir ehrlich, wir behaften Dialekte häufig mit Zuschreibungen: dumm, Straße, arrogant. Eine unfassbare Trennung und Einteilung von Menschen aufgrund von Vorurteilen, die wir uns hier anmaßen! Und ganz nebenbei eine ganze Ladung Steine, die wir uns u.a. in den (Business-)Weg legen, entstehen durch diese Gedankenspiralen.

Coaching-Kund*innen melden mir inzwischen rück, wie nah sie sich mir fühlten, wie vertraut ihnen unsere allerersten Gespräche vorgekommen sein, auch aufgrund des Brandenburger Dialektes, der sich seit 12 Jahren in Berlin pudelwohl fühlt.

Ich bin selbst auch an ein Business Coaching angebunden und liebe es, wie der österreichische Mühlviertler und der Brandenburger Dialekt sich begegnen. Innerer Reichtum und massenhaft seelische Geschenke würden ausbleiben, mäße man Inhalt am Dialekt.

Unser Business authentisch rocken!

Was ist also passiert, seitdem der Dialekt mein treuer, freier Begleiter ist, unabhängig des sozialen Settings und der Businesskomponente?

Bin ich vor Scham gestorben?

Zeigen Fremde mit dem Finger und schreien: Iiiiiiiiiiiiiiieh!!!!!

Nein, verdammt. Nichts dergleichen.

Der Dialekt ist zum Markenzeichen und Teil des Brandings geworden, als natürlichster Begleitumstand. Nur so ist es mir möglich, Business authentisch zu leben und zu führen.

Ein absoluter Befreiungsschlag!

Wir möchten Marken kreieren, die ECHT sind. Auch weil Menschen oft ECHT GENUG HABEN. Von Glamourglanz und Copy Paste-Marketingstrategien. Weil sie mit Menschen arbeiten wollen, die real sind, mit Ecken, Kanten und dem ganz eigenen Schliff. Der zu unserer Geschichte gehört und unser Tun einzigartig macht.

Lass‘ Dein Herz sprechen, Deinen Dialekt raushängen und baumel‘ mit de Beene!

 

 


Photo by Jez Timms on Unsplash