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Hitzewellen fern der Wohlstandsgesellschaft und über mein Leben in Mexiko

KLIMAGERECHTIGKEIT 

Hitze ist nicht gleich mehr Wasser trinken – Hitzewellen fern der Wohlstandsgesellschaft und über mein Leben in Mexiko.

Hier gibt es kein Hitzefrei. Hier ist im Zentrum Mexikos, keine Wüstenregion, keine für besonders hohe Temperaturen bekannte Region. Arides Klima, viele Sonnentage, „ya viene el calor!“, in aller Munde, und das Aufatmen, wenn die Regenzeit beginnt.

Sommer 2018. Rekordtemperaturen werden gebrochen. Ich bekomme davon nichts mit, ich sitze im Büro in der Frankfurter Innenstadt, mit Klimaanlage und gekühlten Getränken ausgestattet, im Gefrierfach lagert Eis, das Kollegen mitgebracht haben. Ich ziehe eine leichte Jacke über und tippe weiter, so eine Klimaanlage kann schon kalt sein.

Sommer 2019. Lese von Mexiko aus besorgt über die Hitzewelle, die in Kontinentaleuropa für einige Wochen Temperaturen über der 30 Grad Marke bringen soll. Die Klimakrise wird spürbar, an einem Ort, an welchem ich mir nie Sorgen über laufendes Trinkwasser aus dem Wasserhahn machen musste.

Temperaturen über 30 Grad haben wir hier schon täglich seit März. Der Ventilator läuft in den Klassenzimmern, aber das Metalldach ist stärker, es staut die Hitze. Die Schüler*innen können sich nicht konzentrieren, „Es ist so heiß hier“, „Miss, darf ich meine Flasche auffüllen gehen?“

Gestern dann die Nachrichten über Hagel, der 1,5 m gefallen ist, in Guadalajara, eine Stadt nur 200 km weit von hier entfernt. Climate Change is real.

Wenn soziale Gerechtigkeit zur Klimagerechtigkeit wird

In Aguascalientes ist kaum ein Haus, weder mit isolierten Wänden, noch mit einer Heizung ausgestattet. „Das brauchten wir früher nicht“, sagt Diego. Mit früher bezieht er sich auf etwa vor 10 Jahren. Er ist nun Mitte 30.

Die Häuser sind durchlässig, die Hauswände nicht für extreme Temperaturen gemacht, weder für überdurchschnittliche Hitze, noch für die im Dezember eintreffende Kälte oder spontan einfallenden, extremen Hagelfall.

Im Winter sind die Häuser hier kälter als die Temperaturen vor den Türen, reiche Menschen kaufen sich an Steckdosen anzuschließende Heizkörper, arme Menschen frieren. Die Stadt gibt Decken an benachteiligte Viertel der Stadt aus. Nach vier Wochen das Aufatmen: der Winter ist vorbei.

Es ist das heißeste Jahr. Das dritte Mal in Folge.

Ich lese über Paris und bewundere den Einsatz der Stadt. Kühlräume, weitere Wasserbrunnen, Warnungen gerichtet an Kinder und ältere Menschen, sie sollen besser Zuhause bleiben meiden, Trinkwasserausgaben für Menschen ohne festem Dach über den Kopf.

Ich denke an die Menschen, die hier täglich meinen Alltag gestalten. Die Frau, die kaum mehr gehen kann, deren Haut einem Faltpapier gleicht und an der Kreuzung vor San Marcos steht, nach ein paar Münzen bittend. An einem anderen Ort, würde ihr geraten werden, zu Hause zu bleiben. Und wer verdient für den Tag das Geld, wenn man daheim bleibt? Aber hier war sie nun einmal, arm und alt und ohne in der Europäischen Union selbstverständlichen Sozialsystem, geschweige denn mit Hut.

Und nein, es ist wenig angebracht zu sagen: Wenn sie aus Mexiko ist, dann ist sie doch bestimmt die Hitze gewöhnt.

Kulturschock

Es ist schwer vorstellbar, was jenseits der Wohlstandsgesellschaft geschieht, sofern man es nicht selbst gelebt, oder an eigener Haut zu spüren bekommen hat. Es ist ähnlich wie mit Früchten. Was es in Deutschland nicht zu kaufen gibt, dessen Geschmack bleibt unbekannt, solange bis man selbst auf Reisen geht und es probiert.

Meine Definition von „heiß“ hat sich verändert, seitdem ich nicht mehr in Deutschland lebe.

Im vergangenen Sommer, in einem modernen und mit bis zur Fußbodenheizung ausgestattetem Einzelappartement in Frankfurt am Main, machten sich die heißesten Tage des Jahres durch ein sperrangelweit geöffnetes Fenster bemerkbar und das Kopfkissen, das ich vor dem Einschlafen mehrmals wendete.

Jetzt, spätabends in Mexiko: Die Gewitterwolken zeigen sich am schon dunkel gefärbten Himmel, man sieht Blitze, bevor man den Donner hört. Wird es heute regnen? Sehr wahrscheinlich. Die Nacht gibt der Hitze eine Pause. Ich dusche, bevor ich ins Bett gehe, das Wasser ist nicht eiskalt. Die Wassertanks sind auf den Dächern oder anderswo außerhalb des Hauses angebracht. Ist die Außentemperatur sehr hoch, läuft das Wasser lauwarm aus der Dusche. Ich trockne meine Haut nicht ab, stelle den eingeschalteten Ventilator vors Bett. Das hält auch Moskitos fern, die trotz angebrachter Netze vor den Fenstern immer ein Loch, eine Lücke finden. Ich versuche schnell einzuschlafen, noch bevor alles trocken und heiß ist und sich die Routine noch ein weiteres Mal wiederholt.

Eine Welt, nicht drei.

Es ist nicht falsch, in der sogenannten dritten Welt zu wohnen. Es ist nicht ausschließlich unbequem, nicht durchgehend gefährlich, nicht um Jahrzehnte rückständig, es ist nur anders. Es sind andere Realitäten, die weiterhin sowohl durch bestimmte Ereignisse in der Geschichte, als auch durch noch immer anhaltende, und stark verankerte Ansätze, bestimmt werden.

Falsch ist, die Welt in mehrere Teile aufzuteilen. Die Bezeichnung der „dritten Welt“ hat höchstens eine Mitschuld sprachlich weiter weg geschoben.

Woher kommen die Chiasamen im Drogeriemarkt, wo wächst die Baumwolle meiner Kleidung? Wo war der Kaffee, bevor er in meiner Tasse landete? Wer richtet das  Zimmer im Hotel während der Karibikreise? Vor welchen Küsten landet das Plastik, das ich verbrauche? Welcher Teil der Erde kolonialisierte, welcher wurde kolonialisiert?

Jeffrey Sachs beschreibt in seinem Buch „The End of Poverty“ einen Krankenhausbesuch in Malawi.  Zustände, sagt er, die man in einem Teil der Welt schlichtweg als nicht zulässig erachten würde. Man weiß davon – aber auf einen anderen Teil der Welt geschoben, scheinen Tatsachen zu fern, zu unvorstellbar, als dass man sie als nicht oder doch zulässig in Erwägung ziehen könnte.

So bleiben die Schlagzeilen über die Hitze in Indien eben das, was sie sind: Worte auf Papier, zu fern, um die eigene Vorstellungskraft anzuregen.

Alles außer Mitleid

Die Armen Menschen, könnte man denken, und doch möchte ich davor Halt machen. Klimagerechtigkeit geschieht fern von Mitleid. Vor allem dann, wenn die Welt eng miteinander verwoben ist.

Die „dritte Welt“ braucht kein Mitleid. Die Welt braucht, das nicht mehr länger von mehreren Welten gesprochen wird. Sie braucht, dass sich Denkweisen und Haltungen ändern.

Mitleid ist nicht gegenseitig, Mitleid baut auf einer Hierarchie. Nur eine*r ist aktiv beim mitleiden, ein*e andere*r erfährt es. Aber – wer weiß schon, was wahrer Reichtum ist? Und wer weiß schon, wo das Glück zu finden ist?

Geben wir Mitgefühl, anstelle von Mitleid. Erwecken wir Schlagzeilen zum Leben und denken über die eigene Realität hinaus. Gehen wir nicht immer von Selbstverständlichkeiten aus, stellen wir Fragen.

Die Klimakrise ist da. Sie kommt in und mit verschiedenen Realitäten und manch eine*n betrifft es bereits heute stärker, als andere. Nicht alle haben einen Knopf zur Klimaanlage zur Hand und nicht jede Regierung kann innerhalb von Tagen Wasserbrunnen mit Trinkwasser im Zentrum der Stadt aufstellen. Aber jede*r kann schon jetzt etwas tun, um Plastik zu vermeiden, um nachhaltigere Entscheidungen zu treffen, um einen Einsatz für den Klimaschutz zu zeigen.

Erwachen wir selbst von einer gefühlt allumfassenden und nicht zu erschütternde Sicherheit, die mehr Illusion als Realität ist. Tun wir etwas dafür, dass Menschen mit und Menschen ohne Klimaanlage und Heizkörpern die Klimakrise nicht fürchten.

Und …

Vielleicht die Reichen der Reichen, in Aguascalientes, vielleicht haben sie eine Klimaanlage  beim Bau ihres Hauses gewünscht. Wer weiß, ob sie die dunklen Scheiben ihres SUVs herunterfahren, wenn sie an der Ampel stehen, wo Menschen in der prallen Sonne nach Geld fragen. Vermutlich nicht. Es könnte warme Luft ins Auto steigen.

Es ist noch nicht zu spät, um alles zu ändern. An jeder weiteren Ampel, die jemals kommen wird, wird man die Wahl bekommen, das Fenster oben zu lassen, oder es herunterzufahren. Auf das Geschehen der Straßen zu blicken. Etwas der Hitze  – mitzufühlen.