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Wir haben keine Zeit – oder doch? Wie wir uns aus der Stressfalle befreien.

Vor kurzem bin ich über einen Artikel in einer Ausgabe der Impulse-Ausgabe von 2014 gestolpert. Es ging um das Stressempfinden der Deutschen und die sogenannte Zeitnot. Ein paar Jahr später, heute  2019 hat sich nur wenig geändert, oder? Wir haben alle „keine Zeit“. Das „keine Zeit“ ist bewusst in Anführungszeichen gesetzt. Ein guter Freund fragte mich vor Jahren mal, ob ich wüsste, womit ich die 24h meines Tages verbringen würde. Ich konnte nicht ad hoc antworten. Stelle mir seitdem immer wieder die Frage, was ich so tue und ob das so okay ist.

Auch wenn ich als Systemische Beraterin, Coach und Stolperstaintrainerin Menschen darin unterstütze, gelassener und zufriedener mit ihren Lebens- und Arbeitsbereichen zu werden, bin ich selbst auch nicht immer im Lot und hetze schnell zum nächsten Termin oder erledige fix noch ein Todu, welches auf der Liste steht (auf einer der Listen, ich habe zahlreiche…).

Zeitnot in Deutschland

Im Jahr 2018 gab es in der deutschsprachigen Bevölkerung rund 25,75 Millionen Personen, die sich selbst zu den Menschen zählten, die zu wenig Zeit haben.[1] Zu wenig Zeit, wofür? Gerald Hüther hat im letzten Jahr uns allen im Fokus zwei Fragen gestellt, was wir für ein Mensch sein wollen und wozu wir unser Leben nutzen möchten? [2]

Fragen eröffnen Bewusstsein und können der Start eines ganz individuellen Veränderungsprozesses sein. Sie schärfen Deine Wahrnehmung und lassen Dich aufmerksam werden. Eine Form der Meditation ist es, sich Fragen zu widmen ohne diese mit Zwang sofort zu beantworten. Einfach eine Weile diese Frage in sich zu bewegen oder mit sich herumzutragen, ist die Aufgabe hierbei. Diese Art der Fokussierung ermöglicht es unserem Geist, sich zu öffnen und die Antwort zu entwickeln. Probier das mal aus.

Muss es die permanente Selbstoptimierung sein?

Wann hat dieser Selbstoptimierungsgedanke Einzug in unser Leben erhalten? War das schon immer da? Ich hab manchmal das Gefühl, dass er desto präsenter wird, je wohlhabender wir sind. Sind unsere Grundbedürfnisse erfüllt, stellen wir uns andere Fragen. Solche nach Selbstwerdung und Sinn.

Geben wir uns der Selbstoptimierung hin und folgen zudem noch dem Zahn der Zeit, erledigen wir plötzlich diverse Dinge parallel. Einfach nur warten? Vertane Zeit. Du musst doch Zeit sparen und schnell nochmal den Zug buchen, den Artikel lesen oder die Todu-Liste checken. Um dann einmal in der Woche in der Schlussentspannung im Yoga einzuschlafen, das Retreat zu buchen und Dich endlich mal bewusst entspannen zu können. Merkst du selbst, oder? Wir sparen und sparen eigentlich doch nicht, oder?

Geht es uns allen nicht um ähnliche Ziele?

  • Ein zufriedenes, gesundes Leben zu leben. Dieses mit Familie, Partner, Freunden und Hobbies zu gestalten und vielleicht sogar zu genießen?
  • Oder geht es dem einen oder der anderen doch eher darum, möglichst viel Geld zu verdienen und Ruhm, Anerkennung und Ehre zu erhalten?
  • Sich zugehörig zu fühlen?

Stell´ Dir mal die Frage, wozu tust du gewisse Dinge tagsüber? Was möchtest du für Dich erreichen? Primär, auf oberster Ebene und dann auf der darunterliegenden? Was erreichst du, wenn du xyz getan hast? Was ist dann anders?

Persönliche Ziele vs. Unternehmensziele

Häufig wird Stress oder Stressempfinden durch eine Überbelastung im Job ausgelöst. Natürlich könnte man jetzt sagen, jeder einzelne ist für sich selbst verantwortlich und hat auf seine Grenzen zu achten. Einerseits haben Arbeitgeber in Folge des Gesetzes eine Fürsorgepflicht zu wahren. Andererseits könnte man auf die Idee kommen, zu hinterfragen, wie die Ziele der Unternehmen bzw. des jeweiligen Unternehmens lauten , in dem es zahlreiche gestresste Mitarbeiter gibt und die Fehlzeitenquoten stetig stabil oder tendentiell steigend sind.

Gewiss sind die Ursachen für Stress häufig im Individuum und in seinem Empfinden, seiner Einstellung, seinen Mustern und seiner Sozialisation zu erkennen. Dennoch haben die Rahmenbedingungen, in denen Arbeit stattfindet, häufig einen entscheidenden Einfluss auf das Wohlbefinden und Zufriedenheit von Mitarbeiter. Auch hier folgt man meistens dem Prinzip „höher-schneller-weiter“ mit Fokus auf Effizienz und monetären Ziele, gern mittel- oder kurzfristig.

Wäre es nicht spannend, auch hier einen Nachhaltigkeitsgedanken zu etablieren und den permanenten Fokus auf die Gewinnmaximierung zu verschieben auf Kundenzufriedenheit und hohe Produktqualität? Und ließe sich dies nicht viel eher erreichen mit gesunden, ausgeglichenen und zudem wohlmöglich noch motivierten Mitarbeitern, die gern im Sinne der Kunden und damit auch der Unternehmensziele ihren Tätigkeiten nachgehen.

Gerade Unternehmen, in denen bisher ökonomische Ziele nicht erreicht wurden, könnten einen Versuch wagen, diese über einen anderen Weg zu erreichen:

  • Wie steht es denn um die Unternehmensziele?
  • Wer hat diese definiert und wer gestaltet die Erreichung dieser? Gibt es ausschließlich Vorgaben oder Raum zur Mitgestaltung der Unternehmung?
  • Und sorgt nicht ein Zielabgleich zwischen Führungsebene und Mitarbeitern dafür, dass Transparenz herrscht und die Möglichkeit entsteht, an einem Strang zu ziehen oder auch sich voneinander zu verabschieden?

Geht es zum Beispiel der Unternehmensleitung darum, Gewinne permanent zu steigern, ist ein Mitarbeiter jedoch eher daran interessiert, die qualitativ besten Produkte oder Dienstleistungen auf dem Markt zu bringen, kann es sein, dass diese Ziele im Alltag sehr stark miteinander konkurrieren. So stark, dass Konflikte und Diskussionen an der Tagesordnung sind, dass es für beide Parteien besser sein könnte, sich voneinander zu verabschieden. Auch das könnte einen Beitrag zum Wohlbefinden vielleicht sogar mehrerer Beteiligten leisten und eine Form des unternehmensweiten Stressempfindens sein.

Einfaches Selbstcoaching

Ich bin ein großer Freund des systemischen Denkens und Handelns. Möchte eine einzelne Person an ihrem Stressempfinden oder auch Stressmanagement arbeiten, macht es Sinn, diese Person in ihrem Kontext zu betrachten. Wie sind die Umweltbedingungen, was verschärft das Stressempfinden, was entspannt?

Stress ist grundsätzlich etwas sehr Hilfreiches: Adrenalin und Noradrenalin werden vom Körper ausgeschüttet. Wir werden auf lebensrettende Aktionen wie Angriff oder Flucht vorbereitet. Und das seit der Steinzeit. Heute jedoch steht kein lebensbedrohliches Tier mehr vor uns, unser Leben ist nicht sofort bedroht. Wenn wir uns unserer unbewussten Verhaltensweisen bewusst werden, habe wir eine Chance auf die Umsetzung alternativer Reaktionsweisen.

Und genau diese Denk- und Handlungsoptionen zu entwickeln, kann der Schlüssel zu einem anderen Stressempfinden werden. Daher ist das Achtsamkeitstraining auch so hoch im Trend.

Über Achtsamkeitsübungen schulen wir unsere Wahrnehmung. Wir sorgen für Klarheit in unserem Geist und verbinden uns durch unsere Bewusstheit mit unserem Unterbewusstsein. Immer mit der Haltung, dass vermutlich jegliche Reaktionsweise in der Vergangenheit ihre Berechtigung hatte. Sie könnte sich über Jahre gefestigt haben.

Wenn wir beispielsweise in der Vergangenheit beigebracht bekommen haben, dass wir immer sofort unsere Aufgaben zu erledigen haben („erst die Arbeit, dann das Vergnügen“) und uns danach erst mit Freizeit und Genuss belohnen dürfen, kann das in der heutigen Zeit dazu führen, dass wir uns niemals erholen, sondern nur arbeiten.

Die Todu-Liste findet in der heutigen Zeit selten ein Ende, oder? Machen wir uns dieses Denk- und Verhaltensmuster bewusst, haben wir die Möglichkeit, darüber zu entscheiden, wie wir auf nicht enden wollende todos reagieren. Möglicherweise kann eine Umformulierung der Verhaltensregel als erwachsener Mensch hilfreich sein. (z.B. „Ich darf jederzeit entspannen und das Leben genießen, auch wenn noch nicht alles erledigt ist.“)

Das Ziel im nachhaltigen Stressmanagement ist somit, das Steuerrad des Lebens in die Hand zu nehmen und dieses Leben selbst so zu gestalten, wie es uns gefällt und gut tut. Häufig sind uns unsere Verhaltens- und Denkweisen nicht bewusst.

Eine externe Perspektive kann häufig den Prozess des Aufdeckens ein wenig beschleunigen und dabei unterstützen, neue Regelsätze, Verhaltens- sowie Reaktionsweisen etablieren. Unterstützen ja, aber der eigentliche Veränderungsprozess geschieht durch uns selbst: durch die Selbstreflektion, wiederkehrende Übungen und durch das Etablieren neuer Gewohnheiten. Und genau dann und damit ist eine nachhaltige Veränderung möglich.

Wer weiß, vielleicht leidest du gar nicht unter Zeitnot und Stress, sondern es fehlt Dir nur an neuen Sichtweisen, Perspektiven und alternativen Handlungsalternativen, was meinst du?

Lass mir gerne deine Antworten da 🙂

 

 

 

 


[1] Quelle: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/171247/umfrage/gefuehl-von-zeitnot/ , 2018

[2] Quelle: https://www.focus.de/gesundheit/ratgeber/gerald-huether-im-gespraech-hirnforscher-entwickelt-gluecksformel-dafuer-muss-sich-jeder-zwei-fragen-stellen_id_10201786.html, 2018