Warum ich in Mexiko begonnen habe Klimakonzerte zu geben – Ariane Vera im Porträt

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Ariane Vera im Porträt

Jeden Freitag hört man die Stimmen einiger Jugendlicher in der Innenstadt, die sich unter die Klänge von Gitarren, Ukulelen, Regenrohr und Cajon mischen. Vor ihnen liegt ein großes Schild – wir singen, weil wir wollen, dass wir auf den Planeten aufpassen.

Konzerte für das Klima, eine Initiative inspiriert von der globalen Bewegung „Fridays For Future“, ein Klimastreik begonnen von der schwedischen Greta Thunberg. Nun streiken jeden Freitag, weltweit, tausende

Die Klimakonzerte sind kein Streiks

“Wir sind nicht auf der Straße, um gegen etwas oder gegen jemanden vorzugehen. Wir sind auf der Straße, um Bewusstsein zu schaffen.“, sagt Ariane Vera, die die Klimakonzerte Anfang Juli begonnen hat.

“In Deutschland streiken jeden Freitag im ganzen Land tausende Schüler und Schülerinnen. In Aguascalientes fand nichts statt, und ich dachte mir, warum eigentlich? Wenn es niemand macht, dann muss ich wohl damit anfangen.“

Ariane Vera lebt seit 8 Monaten in Aguascalientes. Sie ist Singer-Songwriter mit deutschen und argentinischen Wurzeln, studierte Internationale Beziehungen und Englische Literatur in Schottland und Irland. „Mein Leben ist ein Mix aus Kulturen und unterschiedlichen Gewohnheiten. Ich finde das nicht verwirrend, sondern bereichernd“. In den vergangenen fünf Jahren hat sie in vier verschiedenen Ländern gelebt – immer nachhaltig.

Nachhaltig, über Länder und Kulturen hinweg

„Als ich von Zuhause ausgezogen bin, musste ich meinen eigenen Haushalt schmeißen. So habe ich viel gelernt, unter anderem auch, nachhaltig zu leben.“ Seit einem Jahr lebt sie fast komplett plastikfrei, stellt ihre eigenen Produkte her, um auf Verpackungen zu verzichten, von Erdnussbutter über pflanzliche Milch, bin hin zu Zahnpasta und Deodorant. Sie lebt minimalistisch, isst kein Fleisch, ernährt sich zu 90% vegan, und kauft ausschließlich Second Hand.

„In Aguascalientes gibt es so viele Second Hand Läden online, das ist so ein Paradies. „Das haben wir echt Social Media zu verdanken auf Instagram kann ich jetzt shoppen gehen. Das ist großartig.“

Lediglich beim Fliegen zögert sie. “Meine Familie wohnt in Argentinien und in Deutschland, meine besten Freunde über Europa verteilt. Ich fliege etwa einmal im Jahr über den Ozean, und weiß, wie klimaschädlich das ist. Ich versuche deshalb, meine Flüge auszugleichen, auch wenn ich weiß, dass das nicht die beste Option ist. Ich hoffe, dass in Zukunft das Fliegen umweltfreundlicher wird.“

Lücke zwischen Papier und Realität – Aufklären über den Klimawandel

Ihre Abschlussarbeit schrieb sie über den Klimawandel und globale Klimapolitik. „Es war erschreckend zu sehen, welch große Lücke zwischen politischen Reporten und dem Alltag liegt. Nach und nach findet der Klimawandel in die Schlagzeilen. Über Jahre aber haben wir es verpasst, Aufklärungsarbeit zu schaffen. Das will ich ändern. Ich möchte den Klimawandel ins tägliche Bewusstsein holen, möchte, dass er in jeder Entscheidung Priorität wird, und möchte Zugang zu leicht verständlicher Information schaffen.“

Bewusst nutzt sie die sozialen Medien zur Aufklärung, erzählt vom Klimawandel bei Konzerten, sprach auf verschiedenen TEDx Konferenzen, und sang im Europaparlament im vergangene Juni über Nachhaltigkeit und den Schutz der Mutter Natur. „Kunst ist ein großartiges Sprachrohr und berührt auf ganz andere Weise.“ Sie schreibt für diverse Online Magazine und Plattformen in Deutschland zum Thema Nachhaltigkeit, hat eine Kolumne auf der sie Tipps zum Nachhaltigen Alltag teilt. Anfang Mai besuchte sie Kaffeeproduzenten in Chiapas, im Süden Mexikos, und machte sich zur Aufgabe, über den Kaffeeanbau und bewussten Kaffeekonsum aufzuklären. „Kaffee ist eine extrem sensible Pflanze. Man trinkt Kaffee so unbewusst in Deutschland und weiß kaum etwas darüber, wie er wächst, und wer ihn produziert. Ich finde, das sollte man wissen, um mit bewusste Entscheidungen Kaffeeproduzent*innen, die bereits von sich ändernden Temperaturen betroffen sind, zu unterstützen. Und auch, um sich bewusst zu werden, dass Entscheidungen über die ganze Welt reichen, und man somit eine gewisse Verantwortung trägt.“

Klimawandel kommt mit (Un-) Gerechtigkeit

Sie spricht von Klimagerechtigkeit. „Deutschland ist ein reiches Land. Es sollte viel mehr für den Klimaschutz tun. Ich kann den Gedanken nicht ertragen, dass der Lebensstandard in Deutschland hier in meiner neuen Heimat so drastische Auswirkungen haben kann. Das ist nicht fair.“ Auf der anderen Seite hat Klima Action nicht generell etwas mit dem Entwicklungsindex zu tun. Ob ich meinen Müll in die Tonne werfe, oder auf den Boden werfe, meine Tasche zum Einkaufen mitnehme um Plastiktüten zu vermeiden, hat etwas mit Charakter und Persönlichkeit und Bewusstsein zu tun, mehr als mit Herkunft oder GDP.“

In der vergangenen Woche übernahm sie ein Radioprogramm im Rahmen der 17 Ziele der Nachhaltigkeit der Vereinten Nationen. Es soll ein Programm über Nachhaltigkeit werden, informativ, aufklärend, Zusammenhänge beschreibend, Bewusstsein schaffend.

„Ja, ich bin nervös. Ich habe einen Akzent, und ich bin hier nicht aufgewachsen. Aber ich fühle mich hier heimisch, und ich habe unglaublich viele motivierte Menschen kennen gelernt, die einen positiven Wandel kreieren. Ich möchte sie gerne einladen, um ihre Geschichten im Radio zu erzählen und andere zu inspirieren, denn sie sind Vorbilder.“

Und wenn sie einen Wunsch frei hätte?

“Mexiko hat mich mit der Natur verbunden, ich habe hier so viel gelernt. Es tut mir weh, wenn Menschen hier sagen, alles sei schlecht und in anderen Ländern mit stärkere Wirtschaft – wie Deutschland – sei alles besser. Das stimmt so nicht. Das Leben in Mexiko ist sehr reich. Vielleicht nicht unbedingt wirtschaftlich, aber in allen anderen Aspekten. Ich bin nicht immer stolz darauf, zu sagen, dass ich in Deutschland geboren bin. Aber ich bin stolz darauf, zu sagen, dass ich in Mexiko lebe.

„Ich möchte den Menschen zeigen, dass es Spaß macht, nachhaltig zu leben. Auf den Planeten aufzupassen bedeutet keinen Rückschritt oder Verzicht – ganz im Gegenteil. Der Klimawandel kann eine große Chance sein, uns aufwecken, und eine fairere Welt schaffen, wenn wir denn die Chance nutzen. Ich möchte, dass alle in Aguascalientes, und darüber hinaus, wissen, dass uns nur noch wenige Zeit bleibt, etwas zu ändern. Ich möchte, dass alle die Fakten über die Luft- und Ozeanverschmutzung ebenso kennen, wie das Datum von Weihnachten und Ostern. Ich möchte, dass niemand mehr hinterfragt, ob eine Plastikflasche mehr oder weniger einen Unterschied macht und ich möchte, dass der Klimawandel in jeder einzelne Entscheidung berücksichtigt wird, auf allen Ebenen. Ich möchte auch, dass Produzierende verantwortlich handeln, denn es ist nicht immer die Seite der Konsumierenden, auf der die Verschmutzung stattfindet. Aber es ist dort, wo eine Änderung beginnen kann. Wenn wir Marken zeigen, dass wir sie nicht länger unterstützen wollen, wenn sie uns unsren Planeten zerstören, sind sie dazu gezwungen, etwas zu ändern.”

Vom Ich zum Wir , von drei Welten zu einer

In Deutschland dreht sich mehr und das Ich als um da Wir – in Mexiko ist das anders. Eben deshalb glaube ich, dass Mexiko einen unglaublichen Vorteil hat, denn beim Klimawandel gibt es kein ich – hier geht es um alle, denn wir teilen uns den Planeten.

Freitagabend steht sie wieder auf der Fußgängerzone. Mit all den motivierten, inspirierenden Jugendlichen, die dazu stoßen. Ein Traum? “Einmal werde ich die Mariachi fragen, ob sie nicht vorbeikommen und mit uns singen möchten. Das wäre ein großes Konzert für alle Welt – im wahrsten Sinne des Wortes.”

 

 

 

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