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„Speaker“ der neue Traumjob – ist doch ganz easy, oder?

Teenager identifizieren sich mit dem Traumjob des Influencers, selbstständige Erwachsene eifern just dem Trendjob aus der Weiterbildungsbranche nach: Speaker!

Das heißt, Trainer und Coach zu sein reicht nicht mehr aus, wer Erfolg haben will, wird heute Speaker. Zu Deutsch: Vortragsredner. Wobei Speaker irgendwie doch besser, hipper, cooler klingt und der Begriff durch Formate wie „TED Talks“, „Gedankentanken“ und die „German Speakers Association“ auch so gefördert wird. Aber das nur am Rande.

Der schnelle Weg zu Ruhm & Geld

Aktuell sprießen die Speaker wie Pilze aus der Erde – denn scheinbar, so wird es oft suggeriert, kann man durch lediglich 20, 45, höchstens 60 Minuten Bühnenauftritt unglaublich viel Geld verdienen. Bis zu 5stellig wie die Top-Speaker.

Jedem wird suggeriert er müsse nur eine Speaker-Schule besuchen. Die Ausbildungen gibt es aktuell an jeder Ecke, offline, online oder in Kombination. Doch geschenkt bekommt man natürlich nichts – die Ausbildungen kosten in der Regel ein paar tausend Euro.

Aber das ist es doch wert, wenn ich anschließend ganz einfach ganz viel Geld verdiene, oder?

 Speaker-Bühne: Die Kopie, von der Kopie von der Kopie…

Vor kurzem hielt ich selber einen Vortrag auf einer Veranstaltung auf der es explizit darum ging, dass Trainer sich als Speaker präsentieren. Das ganze Event war sehr spannend zu beobachten: Circa die Hälfte aller vortragenden Trainer – also der Speaker – wendeten die gleichen Gesten und Fragetechniken beim Publikum an. Bitte nicht falsch verstehen: Viele dieser Methoden sind erprobt und funktionieren.

Aber kennst du das Gefühl, wenn du irgendwo sitzt und anfängst dich fremdzuschämen?

Ab einem bestimmten Punkt erkannte ich, dass die Speaker-Stories immer dem gleichen Muster folgten. Vom Aufbau der Präsentation bis zur Durchführung des Vortrages. Und dieses Muster wurde gnadenlos kopiert und wiederholt.

Die verbrüdernde Heldenstory: Auch du kannst es schaffen!

Besonders beliebt in der Speaker-Szene ist die emotionale Heldenstory, die einem einfachen Ablauf folgt: Als erstes wird eine traurige oder schockierende Lebensgeschichte erzählt, aus der es fast keinen Ausweg gab. Anschließend wird die typische Publikums-Frage gestellt, wer auch bereits harte Zeiten durchlebt hat. Abschließend präsentiert der Speaker seine Wunderlösung, mit der er Lebenskrise gemeistert hat. Dass soll dem Publikum Mut machen und hat den psychologischen Effekt, dass sich der/die Zuhörer*in mit dem Speaker identifiziert und eine Beziehung aufbaut.

Ich wollte von einem erfolgreichen Speaker-Guru wissen, ob man nur mit einer Heldenstory erfolgreich sein könne. Er verneinte und verriet mir, dass er seine Pleite-Story 30 Jahre lang nicht erzählt habe. Erst jetzt würde er merken, wie sehr sie den Menschen Mut machen würde.

Nach dieser Info folgte das Geschäftliche: Im gleichen Atemzug fragte er mich, ob ich seine Speaker-Ausbildung bereits gebucht hätte. Ich verneinte perplex und erwiderte, dass ich keine weitere Ausbildung neben meiner dreijährigen Schauspiel- & Bühnenausbildung, sowie meinem BWL-Studium und Business-Know-How bräuchte. Er ließ nicht locker und bot mir sogar an, kostenfrei am Programm teilzunehmen. Ich müsste erst bezahlen, wenn ich meine Traum-Umsätze erreicht hätte. Und das ginge mit seinem Programm spielend leicht.

Weiterbildung muss individuell sein

Ich gebe zu, dass klang zunächst verlockend. Doch am Ende lehnte ich ab. Warum? Weil ich nicht seine Kopie werden und in einer großen Gruppenveranstaltung eine Speakerausbildung durchlaufen will.

Außerdem halte ich bereits erfolgreich Vorträge und vermittle mein Bühnenwissen an Klienten. Generell ist Weiterbildung wichtig und auch ich belege Fortbildungen. Doch dabei ist mir eins wichtig: Weiterbildung sollte individuell sein, um die Stärken einer Person zu erkennen und diese gemeinsam auszubauen. Denn so arbeite ich auch mit meinen Kunden: Sie erhalten Techniken mit denen sie sich auf der Bühne sicher und präsent fühlen.

Und diese Techniken zu erlernen und zu verinnerlichen bedeutet viel Fleiß und Arbeitsroutine. Es ist leider nicht damit getan, eine Ausbildung an einem Wochenende zu durchlaufen.

Die vermittelt einem im Übrigen auch nicht die anschließende Vermarktung: von PR über Marketing bis hin zur Vermarktung, der Akquise, dem Schreiben der Bühnen-Vorträge, dem Klinken putzen bei Eventlocations usw.

Was steckt hinter dem Wunsch und Willen, dennoch eine solche Ausbildung zu machen?

Im Endeffekt ist es immer die Hoffnung und auch Verzweiflung, schnell erfolgreich zu sein und Geld zu verdienen.  Ich zitiere an dieser Stelle immer wieder gern Harry Belafonte, der sagte:

 „Ich bin nach 30 Jahren über Nacht erfolgreich geworden“.

Fazit: Bleib ein Original

Ich möchte auf keinen Fall sagen, dass alle, die durch diese Schulen gegangen sind Kopien sind. Es sind sehr erfolgreiche Kolleginnen und Kollegen dabei, die ähnliche Ausbildungen durchlaufen haben. Ich möchte dennoch vor zu hohen Erwartungen warnen. Wenn du viel Geld in die Hand nimmst, dann solltest du auch die Chance haben, als Original erfolgreich zu sein. Und was erfolgreich bedeutet, weißt am Ende nur du.

Wie werde ich nun ein Original?

Zuerst einmal: Bleib bei dir. Schau, welche Stärken du hast und, falls du wirklich als Speaker arbeiten möchtest, deine Kernthemen sind, über die du berichten möchtest. Fang erstmal mit einem Thema an.

Dann finde Geschichten zu diesem Thema, Analogien und interessante Bilder, mit denen du dein Thema bei den Zuschauern präsentieren und auch erlebbar machen kannst.

Mach dir bewusst, wie du wirken möchtest. Und zwar DU und nicht jemand anders. Vielleicht gefällt dir bei einem anderen Speaker*in etwas, was du ausprobieren möchtest. Probiere es gern aus und schaue aber bitte, ob das zu dir passt, ob du damit etwas anfangen kannst, ob es für dich funktioniert. Nur, wenn du dich gut damit fühlst, kommt das beim Zuschauer auch so an.

Such dir ein Testpublikum. Das können auch gern Freunde sein, denn deine Freunde kennen dich am besten, sind im Idealfall ehrlich und sagen dir, ob du du bist, wenn du deinen Vortrag hältst oder sie das Gefühl haben, dass etwas nicht stimmt.

Und dann hast du natürlich auch immer noch die Möglichkeit, dir professionelle, individuelle Unterstützung durch einen Coach oder ein Training in kleinen Gruppen zu holen.

Wenn du also bei dir bleibst, dir deiner Stärken bewusst wirst und dich auf diese fokussierst, dann wirst und bleibst Du ein Original. Dann kommst du auch auf deine Bühne, egal ob als Speaker, Vortragsredner oder in ganz anderer Funktion.
Das allerbeste daran ist, denk daran: Perfekt muss nicht sein. Echt ist viel schöner.

 

 


Photo by Samuel Fyfe on Unsplash