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Make empathy great again? Wie eine Wrestling Show mich Mitgefühl wirklich verstehen ließ!

Liebst du es einfach mal aus deinem Leben hinauskatapultiert zu werden und Neues zu sehen, zu erleben und zu fühlen? Ich schon, sehr sogar. Deswegen ließ ich mich auf einer Mexiko Reise drauf ein, eine Wrestling Show zu besuchen, da es dort ein ziemlich großes Ding ist. Ich hatte keine Ahnung von diesem Sport, der dort „lucha libre“ genannt wird.

Doch zum Reisen gehören für mich immer neue Erfahrungen und neue Erkenntnisse dazu und so fand ich mich eines Tages in den Reihen einer Wrestling Arena wieder. Dass jedoch dieser Besuch einer Wrestling Show mein Verständnis von Mitgefühl erweitern würde, und wie es dazu kam, erfährst du in dieser Mischung aus Reisebericht und Reflektion.

Die Wrestling-Show – Bunt, brutal und eigenartig

Ich saß mit meiner Schwester, anderen Hostelgästen und der Hostelangestellten, die mit uns diesen Ausflug zur Show veranstaltet hatte, auf harten Plastikstühlen in einer großen Arena, die zu Beginn nur halb gefüllt war. Zwischen den Reihen liefen Snack- und Getränkeverkäufer umher, die Ausschau nach Käufern hielten und in die Gegend riefen, was sie zu verkaufen hatten wie z.B. Bier, Nachos, Popcorn. In der Mitte der Arena waren die Wrestler in dem Kampfring zu sehen und wie sie in ihren bunten, glitzernden, glänzenden, teils sehr freizügigen, teils sehr bedeckten Kostümen gegeneinander kämpften. Dabei warfen sie sich gegen die Seile, die den Ring abgrenzten, oder auf den Boden. Sie sprangen aufeinander mit ihren massigen Körpern, machten Saltos und andere akrobatische Bewegungen, und gingen dann an den Rand oder außerhalb des Ringes um die nächsten Wrestler kämpfen zu lassen. Sie wechselten sich ab, da mehrere Wrestler in einer Runde kämpften, aber dies nicht alle gleichzeitig tun konnten. Einen Schiedsrichter in schwarz-weiß gestreiftem T-Shirt war auch immer präsent und mittendrin. Manchmal waren es drei Wrestler gegen drei andere oder alle gegen alle. Und das insgesamt mehrere Runden mit unterschiedlichen Konstellationen und meist immer Wrestlern, die bisher noch nicht aufgetreten waren.

Zum Beginn jeder neuen Runde wurde jeder Wrestler präsentiert, indem die muskulösen, stämmigen Männer, begleitet von Musik und ihrer Ankündigung, auf einem Laufsteg zum Kampfring liefen, vorbei an tanzenden und wenig bekleideten Damen, die etwas Ausländisches an sich hatten, da einige von ihnen blond waren und hellere Haut hatten. Mir fiel das auf, da der Großteil der mexikanischen Bevölkerung ziemlich anders aussah.

Kleinwüchsige Wrestler:  „anders“ und doch ganz normal

Es war in der zweiten Runde als zu unserer Überraschung kleinwüchsige Wrestler in den Ring kamen. Sogar der Schiedsrichter war ein kleiner Mensch und so konnte ich diese sechs Mini-Wrestler zwar nicht neben einem normalwüchsigen Menschen sehen und ihre Größe gut einschätzen, aber der Kleinste von ihnen mit dem Namen Microman erschien winzig. Wie ein kleines Kind, aber doch eben erwachsen und im Ring kämpfend, gegen andere die ein wenig größer waren als er. Er schlug sich jedoch gut und hatte viele Fans.

Mein Eindruck, meine Einstellung

Ich war zu der Show gegangen, mit der Hoffnung Zeugin von leidenschaftlichen Mexikanern zu werden. Wie oft auch im Fußball geht es viel um die Emotionen im Publikum als um das Spiel/die Show selbst. Leider war diese Veranstaltung eher für Touristen gedacht, bemerkte ich schnell, denn Mexikaner waren kaum vertreten. Es war ein Dienstagabend, vielleicht lag es auch daran.

Ich merkte, dass der Gewinner für mich schnell keine Rolle spielte, da ich die ganzen Wrestler nicht einordnen konnte. Zudem wusste ich nie, wer gut war oder warum ein Wrestler gewann. Es war alles Show und das war meist eindeutig zu sehen, doch wie waren die Regeln? Wrestling mit einem einstudierten Tanz vergleichen, würde ich nicht unbedingt, dafür sah einiges zu brutal aus und es gab sogar einen Verletzten. Aber an sich waren die Kämpfe gespielt und dienten zur Unterhaltung, das war deutlich.

Ich persönlich fand es nicht so unterhaltsam, mangels Kenntnisse aber auch einfach Interesse. Das merkte ich auch schnell. Zu Beginn saß ich noch im Publikum und war sehr gespannt auf dieses Neue, was ich nicht kannte und mit dem es bisher keine Berührungspunkte gegeben hatte. Mit dem Verlauf änderte sich dann meine Stimmung etwas und ich wechselte zwischen einem verurteilenden „Was zur Hölle ist und soll das?“ und „Meinen die das ernst?“ sowie einem objektiveren „Ah ja, sowas gibt es also auch auf der Welt.“ bis zu einem neugierigen „Was sind das wohl für Menschen im echten Leben? Sind diese Frauen Studentinnen und verdienen sich so nebenbei Geld?“ Was machen diese Kleinwüchsigen tagsüber? Und wie sieht es hinter den Kulissen aus?

Sich unbekanntem gegenüber öffnen

Ich musste feststellen, dass ich keine Ahnung hatte. Und ich stellte auch fest, dass ich mich entscheiden konnte, wie ich das alles wahrnehmen wollte. Ich entschied mich weiterhin open-minded zu bleiben. Dadurch wurde diese Wrestling Show schließlich zu einer Erfahrung, die ich zwar nicht noch einmal wiederholen müsste, weil es einfach nicht mein Ding ist. Aber es ist auch schön, dass Wrestling meine Neugierde zumindest in Mexiko wecken konnte und ich dadurch offener für Wrestling und alle Menschen, die etwas damit zu tun haben oder es mögen, wurde.

Was Mitgefühl macht – Keine schlechte Stimmung, keinen Schaden

Was hat das alles mit Mitgefühl zu tun? Einiges habe ich festgestellt, als ich letztens von dem Wrestling Besuch erzählte, reflektierte und mir klar wurde, wie bewusst ich mich damals gegen meinen verurteilenden Gedanken entschieden hatte, um offen zu bleiben und eine schönere Erfahrung zu haben. Und dass sich das auf Vieles übertragen lässt.

Wenn du Mitgefühl für etwas/jemanden hast, dann bedeutet das, du hast eine Gemeinsamkeit gefunden und kannst dich darauf beziehen. Wenn du dich auf etwas beziehen kannst, dann kannst du auch mitfühlen. Und wenn du mitfühlst, dann verstehst du das Andere auch irgendwo, d.h. du bist zum einen offener und zum anderen trennst du dich nicht mehr davon.

Wo Verbindung/Bezug und Mitgefühl ist, da ist dann auch kein Platz für Trennung und Schadenanrichten. Sei es auch nur verbaler Schaden, Verurteilung und schlechte Stimmung. (Das sind schließlich  immer noch negative Energien, die nicht sein müssen.)

Wrestling als Beispiel ist nicht mein Ding, und doch wurde meine Offenheit und Mitgefühl geweckt als ich die Menschen dahinter betrachtet habe und somit einen Bezug herstellen konnte. Denn hey, wir sind alle Menschen. Dadurch kam dann auch meine Neugierde wieder hervor (wenn auch nicht viel für den Sport selbst) und machte diese Erfahrung wieder interessanter.

Ich hätte auch bei dem ersten verurteilenden Gedanken bleiben können. Dann hätte ich diesen Ausflug eventuell sogar bereut und überall verbreiten können, wie dämlich Wrestling ist und ich das gar nicht verstehen kann, wie man das mögen kann und warum es sowas überhaupt gibt, warum man sowas macht und dass es auf keinen Fall empfehlenswert ist, sich das anzuschauen.

Ich gebe zu, diese Show war sicher nicht so gut und mitreißend, dass ich sie weiterempfehlen möchte, aber Wrestling an sich kann bestimmt sehr unterhaltsam sein, wenn man etwas davon versteht und/oder unter den richtigen Menschen ist (a lá Umgeben von leidenschaftlichen Fans vs. Menschen, die nichts davon verstehen und diesen „eigenartigen“ Sport zum ersten Mal sehen.)

Letzten Endes hat mir diese Erfahrung zum einen gezeigt, wie Erkenntnisse uns auf den verschiedensten und banalsten Wegen erreichen können. Von Wrestling auf Mitgefühl zu kommen, passiert sicher nicht jedem.

Und zum anderen, wie ich als Person wirklich eine Wahl bei allem habe, was ich nicht verstehe und was neu oder anders für mich ist. Und dass Verurteilen kontraproduktiv ist, wenn ich meine gute Laune erhalten will.

Akzeptanz ist sowieso immer die Basis. Und ob daraus jetzt Mitgefühl und Neugierde entsteht, und sei es nur für den Moment, oder ich dennoch denke: „Nein danke, damit möchte ich mich nicht weiter beschäftigen“, ist egal. Hauptsache ist, dass ich mich gut fühle, was auch geht, ohne anderen in ihr Glück reinzureden, etwas schlecht zu reden oder ihnen sogar zu schaden.

Also:

“Be the change that you wish to see in the world.”

― Mahatma Gandhi

Peace & Love

Bea

 

 

 


Photo by Larry Costales