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Die unveröffentlichten Schätze einer Autorin

Das Schreiben ist ein schöpferischer Prozess. Mit viel Liebe zum Detail kreieren Autoren Geschichten, vielleicht sogar die eigene. Und dennoch – nicht jedes Buch, nicht jeder Text will veröffentlicht werden: Manchmal ist es wertvoller, die Schätze für sich selbst zu wahren.

Mein Roman vor dem Aus

Im Frühjahr/Sommer diesen Jahres tippte ich fleißig meinen ersten Roman. Clara und Ben. Eine verführerische Liebesgeschichte in Paris. Viele meiner Träume, Sehnsüchte und Wünsche flossen in die turbulente Geschichte hinein und so durchstreiften meine Protagonisten die Straßen und Galerien der Modemetropole mit ihrer lauten und leisen Seite.

Tagelang erkundete ich einen zauberhaften Reiseführer. Interviewte Menschen, die in Paris lebten, kreierte Charaktere, gab ihnen Namen und hauchte ihnen Leben ein und machte es mir sogar zur Aufgabe, die französische Sprache zu lernen und nahm Privatunterricht bei meiner lieben Freundin Brigitte.

Während des Schreibprozesses bastelten wir bereits an einem Cover, meine Zeilen wurden Korrektur gelesen, ich nahm Verbesserungsvorschläge und Kritik an, setzte diese um und holte mir erste Feedbacks von Freunden ein. Auch bestand bereits Kontakt zu einer Zeitung und die erste Lesung angekündigte sich an.

Bis der Roman vor dem Aus stand!

Erst trennte ich mich im Juli von meinem Verlag. Dann wollte ich auf neue Verlagssuche gehen, bis ich das Buchprojekt zur Seite legte um mich anderen Themen in meinem Leben zu widmen.

Fast ein halbes Jahr später entschied ich mich dazu, das Buch nicht mit der Öffentlichkeit zu teilen, in das ich so viel Herzblut und Stunden investiert hatte.

Ein Buch zu veröffentlichen ist ein Prozess und kein Sprint, bei dem der Schnellste gewinnt ~ Simone Kreuzer

Paris war und ist mit all seinen Facetten für mich eine spannende Stadt. Ich verbinde unglaublich viel mit ihr und eine Zeit lang war der Eiffelturm als Anhänger einer Halskette mein Glücksbringer. Bis ich diesen eines Tages verlor.

Mit der Geschichte von Clara und Ben schrieb ich eine Welt, die sich in der Realität so für mich nicht einstellte. Sie ist ein Teil von mir, die ich sehr liebgewonnen habe und auch gerne so für mich behalten möchte. Und würde ich meine Hauptfiguren fragen, so möchten sie lieber unter sich bleiben und keine weitere Aufmerksamkeit haben.

Denn, sobald ein Buch veröffentlicht ist, sind die Zeilen nicht mehr meine. Auch wenn ich sie geschrieben habe.

Was ich in dem ganzen Prozess jedoch übersah: Mich! Wie es mir selbst mit dem Geschriebenen ging und was die Botschaft des Buches an mich selbst war. Und die Menschen, die mir teuer sind, die ich in irgendeiner Form in dem Buch in meine Figuren verewigt hatte, ohne sie zu fragen.

Zu sehr war ich mit den äußerlichen Faktoren beschäftigt und dem Druck, den ich mir selbst machte – das Buch unbedingt im September, noch vor der Frankfurter Buchmesse, zu veröffentlichen.

Wieso es so wichtig ist, Schätze für sich zu wahren

Unsere Gesellschaft ist geprägt davon, dass wir alle an allem teilhaben lassen und uns jeder bewerten darf.

Wir lassen die ganze Welt via Instagram an unserem Schöpfungsprozess teilhaben, ohne dies zu filtern. Im Gegenteil. Wir legen noch einen Filter darüber, damit es noch besser, noch knalliger, noch stylischer aussieht um ja alle zu beeindrucken.

Dadurch erschaffen wir jedoch eine Erwartungshaltung in der Öffentlichkeit, die uns selbst ein Bein stellen kann.

Wieso? Weil wir etwas groß angekündigt haben und unsere Fangemeinde – Familie, Freunde, das World Wide Web – von uns die Umsetzung erwartet. Somit schnappt die Falle des schnellen Rennens zu.

Über diesen Schatten zu springen, sichere Verlagsverträge zu kündigen und alles zurückzunehmen ist kein angenehmes Vergnügen, aber ein Notwendiges um wieder bei sich selbst anzukommen und das zu schützen, was einem wichtig ist.

Vor allem vergessen wir eins: Es ist wichtig für sich selbst Dinge zu kreieren und ein Gefühl dafür entwickeln zu können, um das eigene Bewusstsein für das Erschaffene zu stärken, bevor Kritiker die Möglichkeit haben, ihren Rotstift anzusetzen.

Mein Plädoyer dafür, sich selbst frei entscheiden zu dürfen

Wir haben Tools in jeglichen Formen entwickelt, die Prozesse optimieren sollen damit Projekte, Produkte, Menschen schneller vorankommen. Damit die Wirtschaft boomt – so lautet das Versprechen.

Doch bedarf es Raum und Zeit für die Entwicklung. Es braucht die Pausen zwischen den einzelnen Schritten und Komponenten. Um das greifbar zu machen, was sich verändert hat.

Nach jedem Schritt sollten wir uns die Freiheit nehmen uns neu entscheiden zu können. Ohne den öffentlichen Druck und die Versagensängste zu spüren, wenn wir heute anders handeln möchten.

Erschafft euch einen Raumnur für euch selbst

Einen Raum der Künste. Ein Atelier. Zu dem nur ihr Zutritt habt. In diesem Raum könnt ihr alles tun und machen was ihr wollt. Euch neu erfinden. Musik machen. Bilder malen. Einen Tisch schreinern. Es gibt keine Zuschauer und keine Beobachter die eine A und B Note vergeben. Nein. Dieser Raum gehört nur euch alleine.

Erkennt ihr eure eigenen Schätze, seid ihr stolz auf das was ihr erschaffen habt, so macht ihr euch weniger angreifbarer für all die Kritiker und ihr entwickelt eine intimere Beziehung zu euch selbst. Ihr schätzt eure eigene Persönlichkeit wieder mehr.

Was mich betrifft

Mein Liebesroman, in dem Ben meine Hauptfigur Clara ganz schön in den Wahnsinn treibt, bleibt meiner. Zu sehr bin ich mit beiden Figuren verbunden. Für mich sind die beiden und ihr Schicksal real.

Vielleicht kommt der Tag später. Der Tag, an dem ich bereit bin meine Geschichte loszulassen und mit euch zu teilen. Doch für den Moment. Bleibt sie meine.

Eure Simone