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Wie wir in Krisenzeiten vom Reagieren ins Agieren kommen können

Im Deutschlandfunk zur Corona Krise heißt es:

„Die Ausbreitung des Virus Covid-19 verändert den Alltag in Deutschland so umfassend wie keine andere Krise seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Der Krisenmodus macht die Stärken und Schwächen unserer Gesellschaft sichtbar und eröffnet Gestaltungsspielräume.“

Aber was genau heißt das für uns selbst?

Ein Erklärungsversuch von Simone Kreuzer


Die ungeschminkte Wahrheit eines Veränderungsprozesses

Unsere gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Strukturen explodieren dank des Coronavirus gerade. Wenn wir jedoch glauben, dass alles was im Außen gerade passiert nichts mit unseren eigenen Entscheidungen und Handeln zu tun hat, dann befinden wir uns auf dem Holzweg .

Denn, alles was sich im Außen zeigt, ist ein Spiegelbild unserer inneren Haltung.

Sich jetzt hinzusetzen und laut darüber zu diskutieren, ob die politischen Maßnahmen korrekt sind, zu erwarten, dass uns jemand anderer bzw. der Staat rettet oder Klage gegen Tirol einzureichen, weil es zu spät auf das Virus regiert habe, bringt rein gar nichts. Im Gegenteil:  Wir würden in die Rolle des Opfers schlüpfen.

Besser wäre doch, die Situation anzunehmen wie sie ist. Mit all ihren Konsequenzen. Denn gegen sie anzukämpfen würde lediglich bedeuten, dass wir uns verteidigen, anstatt zu agieren. Und das wiederum würde uns schwächen.

Wir können jetzt – gerade jetzt! – für uns und für unsere Gesellschaft Verantwortung übernehmen und unser Leben in die Hand nehmen und uns allen eine neue Richtung geben.

Wie uns das gelingen kann – Schritt für Schritt – das zeige ich euch in diesem Artikel.

Die vier Phasen eines Veränderungsprozesses

Wenn es um Veränderungsprozesse geht, durchlaufen wir meist vier Phasen.

1. Forming

Wir tasten uns langsam ran. Sind uns jedoch nicht sicher, ob uns das wirklich betrifft.

2. Storming

Die Erkenntnis trifft uns bis ins Mark – es betrifft uns. Wut, Kontrollverlust und Ängste sind an der Tagesordnung. Wir rebellieren und wehren uns.

3. Norming

Langsam finden wir uns in der neuen Situation wieder. Das Alte bricht auf. Wir lassen die Veränderungen langsam zu. Formen uns neu.

4. Performing

Die Kreativität schlägt zu. Wir sind eins mit dem neuen Denken und Handeln nach neuen Maßstäben. Es geht vorwärts.

Aber was heißt das nun konkret?

Phase 1: Forming – oder, es betrifft uns nicht

Hat eine Situation bzw. ein Thema keine konkrete Auswirkung auf unser alltägliches Leben, tun wir so, als betreffe es uns nicht – und dabei ist es egal, um was es sich handelt. Mehr noch: Oft belächeln wir es! Kommt es aber nur zur kleinsten Einschränkung (wie etwa im Fall der Corona Krise), gibt’s den ersten Herzinfarkt. Bei mir was es die Verschiebung des neuen Bond Films – boah, war ich sauer!

Im Grunde genommen passiert folgendes: Der Löwe taucht wie eine kleine Figur am Horizont auf, während wir (noch) ganz gemütlich am Lagerfeuer sitzen. Wir nehmen ihn zwar wahr, beschäftigen uns aber nach wie vor mit uns selbst.

Phase 2. Storming – Der Löwe steht vor uns

Jetzt rächt sich unser ignorantes bequemes Verhalten. Es trifft uns. Und zwar mit voller Wucht. Der Löwe steht plötzlich vor uns und wir erinnern uns an zwei Handlungsoptionen, die in unserm Gehirn tief verankert sind.

Option 1: Freeze – Wir stellen uns tot, in der Hoffnung, dass uns der Löwe nicht sieht

Option 2: Flight – Wir flüchten

Die Reaktionen Freeze und Flight gehen Hand in Hand mit Angst, Wut und Kontrollverlust.

Wieso ist das so?

Unser Überlebensinstinkt macht sich bemerkbar. Erst einmal geht es darum, unser Leben zu sichern. Unabhängig von der Qualität. Ein weiterer Punkt in diesem Zusammenhang ist, dass wir bis Mitte 30 zu einer gewohnten Persönlichkeit geworden sind. Sprich, wir sind wie ein altes Auto, das immer nur den gleichen Weg nimmt, die gleichen Straßen usw. Jedoch werden wir dadurch träge, unachtsam uns selbst und unserer Welt gegenüber. Wir werden blind und deswegen brauchen wir manchmal den Hammer – um wieder wach zu werden. Den wir gerade präsentiert bekommen.

Option 3: Act – Wir stellen uns der Herausforderung

Selbstverständlich hat uns Mutter Natur noch eine weitere Handlungsoption in die Wiege gelegt: Wir stellen uns dem Löwen. Wir schauen ihm in die Augen. Sprich, wir agieren statt nur zu reagieren. Wir übernehmen somit Verantwortung für unser eigenes Verhalten und verlassen aktiv die Opferrolle.

Wie kann ich konkret aktiv vom Reagieren ins Agieren wechseln?

Mach dir im ersten Schritt bewusst, dass Emotionen wie Angst, Wut, Hoffnungslosigkeit und Frust ganz normal sind. Es ist ok, wütend zu sein. Es ist ok, Angst zu haben.

Beweg dich! Hol die Laufschuhe raus und gehe Joggen oder fordere den Sandsack zu einem Duell heraus. Sorge  dafür, dass die angestaute Wut und Angst ein Ventil bekommt und zu einer produktiven Energie umgewandelt wird.

Überprüfe deine Realität mit der Außenwelt. Das bedeutet, überprüfe genau, wie die Situation dich gerade konkret betrifft und wie es dir und deiner Familie geht. Alles andere ist Öl ins Feuer geschüttet.

Achte auf deine Gefühle und welche Informationskanäle und Menschen sie anziehen. Bist du gefangen in deiner Angst, tust du dir keinen gefallen, indem du dir eine Schreckensnachricht nach der anderen reinziehst und dann mit anderen darüber diskutierst bis zum Umfallen. Das nährt nur deine Angst. Sorge dafür, dass du mit Abstand und Verstand Informationen konsumierst. Sprich: einmal am Tag bewusst die Nachrichten anschauen und wiege ab, welche Informationen du konkret für dich brauchst um weiterzukommen – welche dich konkret betreffen.

Ganz wichtig für die Nerven und gute Laune: Prosecco, Kaffee, Schoki, Chips und die Playlist mit Howard Carpendale, Michelle und Matthias Reim. On Top: Sich Oliver Pocher reinziehen, wie er die Retter der Welt – die Influencer – durch den Kakao zieht.

Phase 3: Norming – Die Perspektive ändern

#nofilters. Wahre Worte sind jetzt gefragt. Weichspülen und sich alles schönreden, war gestern.

Die Schockstarre ist überwunden. Das sehen wir auch im Außen. Selbst die EU taut langsam wieder auf. Ob sie jedoch mit neuen Maßstäben handlungsfähig wird, bleibt abzuwarten. Bayern rennt vor. Die anderen nach. Es tut sich was. Die Ärzte veröffentlichen einen neuen Song. Ich freue mich wie ein Schnitzel. Die beste Band der Welt ist wieder da.

Was können wir für uns jetzt tun?

Die Perspektive -Privatleben- auf den Kopf stellen

Kreiere dir ein Ritual. Das kann die Badewanne am Abend sein. Der morgendliche Spaziergang, bevor alle wach werden. Den Kaffee auf dem Boden genießen (gut für die Erdung). Oder du lauscht einer geführten Mediation – z. B. von Veit Lindau (auf youtube oder Spotify). Bleibe vor allem dran. Mach das ein paar Tage, bis sich das gefestigt hat. Unser Gehirn ist nämlich wie ein Muskel, der trainiert werden darf und soll. Nach ein paar Tagen wirst du feststellen, wie gut es dir tut und wie es deine Wahrnehmung ändert.

Überprüfe, ob du tatsächlich Hobbys hast und ob du sinnvoll mit der Zeit zu Hause umgehen kannst. Oder ob du dich mit Amazon Prime und Netflix anästhesierst.

Ein Tag ohne instagram, facebook und Nachrichten. Im Idealfall keinen Kontakt zu niemanden in der Außenwelt. Schau was mit dir und deinen Gedanken passiert.

Welche Geschichten schreibt dein Kopf weiter? Die Geschichte des zweiten Weltkrieges? Die Scheidung deiner Eltern oder deine eigene? Wenn dich z.B. die Verlustangst überfällt, frage dich ehrlich wer hier gerade reagiert – das Erwachsenen-Ich oder dein Kind-Ich bzw. woher diese Angst kommt.

Auch spannend: Kannst du wirklich kochen und backen?

Jetzt wird’s hart: Willst du mit deinem Partner noch den Weg weitergehen oder erkennst du gerade, dass ihr euch nichts mehr zu sagen habt und ihr euch in der Vergangenheit mit Events und einem vollen Terminkalender abgelenkt habt?

Fragen über Fragen…….

Die Berufliche Inspirationsecke in Phase 3
Für alle, die zu Hause sind

Du hast Zeit geschenkt bekommen, auch wenn es dir vielleicht noch nicht klar ist. Du kannst dir überlegen, ob dein jetziger Job wirklich das ist, was du für die nächsten Jahre machen möchtest. Stell dir doch mal die folgenden Fragen:

Wenn ich keine Angst hätte Fehler zu machen, wo wäre ich beruflich in 1-2 Jahren?

Was würde ich jetzt und sofort machen, um an mein Ziel zu kommen?

(Tipp am Rande: Verbinde diese Frage mit der geführten Meditation „Die Ruhe im Sturm“ von Veit Lindau)

Du kannst auch mit dem Grafikprogramm Canva (kostenfrei) deinen Lebenslauf mal grafisch aufpeppen und dich spielerisch mit deinen Fähigkeiten beschäftigen.

Für alle die fleißig arbeiten dürfen

Egal ob systemrelevant oder nicht. Wie wäre es mit Dankbarkeit. Dankbar dafür, dass wir arbeiten dürfen. Dass wir was tun können. Ich selbst bin beim DM mit 20 Stunden/Woche tätig und ich muss ganz ehrlich sagen: Ich habe gerade die Chance, der Gesellschaft, unserem Land etwas zurückzugeben. Ich selbst profitiere unglaublich von unserem System und vielleicht sollten wir wieder mehr Demut lernen, statt ständig auf unser System, auf unseren Staat zu spucken.

Phase 4: Performing – Der Kaffee duftet so herrlich 

Wie es nach dem ganzen Wahnsinn aussehen mag, das weiß ich nicht. Wage dringen Bilder in meinen Kopf die erstauen und verwundern zu gleich. Wer glaubt, dass die Welt von morgen die gleiche ist, wie vor fünf Wochen, der irrt.

Gewinnen wird der, der auf der Welle mitschwimmt. Der für sich erkannt hat, dass es Zeit ist für ein anderes Bewusstsein für sich selbst, für Mutter Natur und seinen Mitmenschen.

Schließlich geht es der Evolution um die Weiterentwicklung und um das erreichen zu können, bedarf es Menschen, die diesen Schritt mitgehen können. Sprich, die in der Lage sind sich anzupassen und der Veränderung mit offenen Armen begegnet. Ansonsten wird sich die Welt auch ohne uns sehr gut weiterdrehen.

Eine Übung zum Schluss

Du kannst dich jetzt gerne hinsetzen und dein eigenes Drehbuch schreiben. Vielleicht mit dem Titel: „Mein Sommer 2020“.

Ob sich diese Zeilen dann wirklich in der Realität zeigen, bleibt abzuwarten. Doch eins ist sicher. Diese Übung ist wesentlich gesünder für Kopf und Herz als darauf zu warten, dass es einen Impfstoff gibt, der nur einen reich macht.

In diesem Sinne –

Ich wünsche uns allen ein beherztes Handeln und mit einer Portion Verrücktheit können wir bestimmt mit dem Löwen tanzen.

Eure Simone