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Im Gespräch mit Selena Gabat – Marketingchefin von LinkedIn : Über das Queen-Bee-Syndrom, die Errungenschaften der Emanzipation und der Integration des Weiblichen

Business & She trifft Selena Gabat und spricht über die Unterschiede zwischen den Ländern, dem Mitspielen im Boys-Club, der Achtsamkeit gegenüber dem eigenen Wesen und über die Frage danach, wie wir es schaffen die Errungenschaften der Emanzipation zu integrieren ohne das Weibliche aufgeben zu müssen.

Von Simone Kreuzer


Eigentlich war das Gespräch mit Selena Gabat, Marketingchefin von LinkedIn für den Bereich DACH (Deutschland, Österreich, Schweiz), als ganz normales Interview gedacht. Auf meinem Notizblock standen die klassischen Fragen wie: „Was ist dein tägliches Brot? Wie bist du zu dem Job gekommen? Wie ist es gerade in Zeiten von Corona inkl. Homeoffice?“

Der Vorteil, wenn man sich schon ein bisschen kennt – so wie Selena und ich – und per Du sind, kann man als Interviewführerin dem Geschehen seinen Lauf lassen. So geschah es auch, dass meine Fragen zwar den Einstieg erleichterten, doch aus dem fast 90-Minütigen Gespräch via Zoom ein toller Dialog zwischen zwei Frauen entstand, die sich auf Augenhöhe begegneten.

Gerne nehme ich dich, liebe Leserin und lieber Leser, auf eine  inspirierende Lesereise mit, die der Frage nachgeht, wie wir achtsamer mit unserer eigenen Natur umgehen können.

Es geht los.

„LinkedIn baut Brücken zwischen den Ländern.“

Gleich zu Beginn räumt Selena mit dem Missverständnis auf, dass das Netzwerk LinkedIn nur für Menschen ist, die international gerne arbeiten möchten: „Nein, wir sind zwar ein internationales Unternehmen und gehören zu Microsoft, aber es kann sich jeder dort vorstellen und auf die Suche machen, der im eigenen Land bleiben möchte. Der Unterschied zu anderen vergleichbaren Anbietern ist, dass die Welt in unserem Netzwerk zu Hause ist.“

Wenn wir schon beim Thema sind: „Welche Unterschiede gibt es zwischen den Ländern?“

„In den USA ist der Aufzug eine Chance um weiterzukommen und Leute kennenzulernen. Hierzulande will man einfach nur schnell raus.“

Ich grinse. Diese Situation kenne ich. Während diese Möglichkeit in anderen Ländern sehr gerne als Networking und Small-Talk genutzt wird, denke ich nur an Flucht. Selena und ich philosophieren über diese Tatsache und gehen der Frage nach: „Wieso ist das bei uns so?“

Wohl liegt es bestimmt darin begründet, dass die US-Amerikaner im Vergleich aufgeschlossener sind und gleich jedem alles brühwarm erzählen. Da kommt ein Deutscher Stereotyp natürlich nicht mit. Der brave Deutsche behält alles für sich. Er nimmt keine Hilfe an, ach was, er braucht erst gar keine. Er, der Stereotyp, schafft alles alleine und er vertraut nur jemanden, dem er zumindest mindestens einmal die Hand geschüttelt hat und im Idealfall alles wasserdicht in einem Vertrag verankert ist. Auch wenn wir es immer nicht ganz wahrhaben wollen, die geschichtliche Vergangenheit haftet nach wie vor an uns. Das führt dazu, dass unser Selbstbewusstsein und Vertrauensgen nicht so ausgeprägt sind, wie bei anderen Nationen. Wobei ich ganz klar sagen muss, dass mir das Verhalten mancher überschwänglicher US-Amerikaner einfach zu viel Show ist.

Ein Gedanke schießt mir während des Gespräches durch den Kopf: „Kommt daher die Coachingübung Elevator Pitch?“ Vermutlich. Der Kern der Übung besteht darin, dass man innerhalb von 60 Sekunden (für die Dauer eines Fahrstuhlaufenthalts) jemand anderen von sich und seinen Fähigkeiten überzeugen soll.

Unser Gespräch führt uns weiter zu der Balance zwischen dem Frauen- und Männeranteil im Business und, dass es LinkedIn geschafft hat, dem Thema auf Augenhöhe zu begegnen. Die Marketingchefin erlebte dies in ihren vorherigen Positionen sehr wohl auch anders und kollidierte in diesem Zusammenhang mit einem ganz bestimmten Typus Frau.

„Mit einer Chefin, die das Queen-Bee-Syndrom lebt, hat man als Frau verloren.“

Selena und ich nicken uns wortlos zu. Eine Begegnung mit so einer Frau ist frustrierend und lässt einen an sich selbst zweifeln. Aber was steckt genau dahinter?

Das Queen-Bee-Syndrom:

Das Queen-Bee-Syndrom ist nach der Stellung der Bienenkönigin in ihrem Bienenstaat benannt. Dies bedeutet, hat eine Frau mit all ihrer Energie und ihrem unermüdlichen Einsatz ihre Position, z. B. die Abteilungsleitung, errungen, wird sie diese verteidigen. Privat kommt das Phänomen z.B. in Erscheinung, wenn sich eine Frau gut und gerne eine Männerclique um sich schart und dieses Reich für sich dann verteidigt. Und dazu sind ihr alle Mittel recht. Sprich, triffst du auf eine Frau mit diesem Verhalten, wird sie dir als Frau nie helfen, dich beruflich weiterzuentwickeln – schon gar nicht in ihre Richtung, da es ja ihr Status ist – und privat wird sie dafür sorgen, dass du nie den Circle betrittst, um „ihre“ Männer kennenzulernen. Ganz nach dem Motto „meins“, aus Angst, dass sie diesen schwer erarbeiteten Status durch eine andere Frau verliert.

Ein Tipp an dieser Stelle: Im ersten Schritt ist es immer wichtig, dieses Verhalten zu entlarven. Erst mit dieser Erkenntnis und Klarheit kannst du eine Entscheidung treffen, wie du weiter vorgehen willst.

Weiter geht es von den Frauen zu den Männern in den Chefetagen. „Wie war es dann im Vergleich als du bei Sky gearbeitet hast? Das war bzw. ist nach wie vor eine Männerdomäne, oder?“

„Wenn du im Boys-Club mitspielen willst, darfst du nicht perfekt sein.“

Selena bringt es anhand eines Beispiels sehr gut auf den Punkt: „Es stand ein Meeting an und ich wollte unbedingt perfekt glänzen und zeigen, was ich als Frau kann. Jedoch rechnete ich nicht mit dem Vorsitzenden, der so eine ganz andere Linie fuhr. Es war von mir in der Situation nicht gern gesehen, dass ich so gut vorbereitet war. Es war fast so, dass ich durch mein überengagiertes Verhalten ins Abseits geraden bin.“

Im Hintergrund passiert nämlich oftmals folgendes: Wir Frauen meinen immer, wir müssen uns beweisen und deshalb gleich mit 1000% aufwarten. Was dazu führt, dass wir verkrampfen und uns der Situation verschließen. Steht z. B. ein Meeting an ist zu überprüfen, wer mein Gegenüber ist und wofür ich stehe um beides schließlich in Balance zu bringen. Damit beide Seiten gewinnen können.

Deshalb ein Tipp für dich: Überlege konkret, was für ein Typ ist dein Chef, deine Chefin? Was ist das Ziel des Meetings und was kannst du dazu beitragen, damit es gut verläuft?  Ist dein Gegenüber z. B. eine Person die auf Zahlen, Daten, Fakten steht, erleichterst du dir den Einstieg, wenn du ihr im ersten Schritt auf rationaler Ebene begegnest und ihr auch die gewünschten Daten vorlegst. Umgekehrt natürlich genauso. Wird das Meeting als Austauschrunde gesehen, lass dich einfach darauf ein. Du musst wissen, was deine Tools (deine Fähig- und Fertigkeiten) sind und wozu sie dienen und fähig sind, um diese wiederrum zum passenden Moment aus dem Hut zaubern zu können – dann! überzeugst du.

„Vielleicht sollten wir auf der Energiewelle der Männer schwimmen“ – merke ich an dieser Stelle an.

„Wie meinst du das?“, Selena spielt mir den Ball zurück und ich hole ein klein wenig aus und krame in meiner Kopfbibliothek das alte Bild von Frau und Mann hervor.

Wir kennen alle das Buch „Männer sind vom Mars. Frauen von der Venus“ von John Gray und folgendes Szenario daraus: Der Mann zieht sich in seine Höhle zurück und wir Frauen bleiben davor sitzen und warten, bis er wieder raus kommt.

Während Selena und ich darüber philosophieren beschleicht uns das Gefühl, ob es nicht schlüssiger ist, als Frau dann zu agieren, wenn der Mann auf Empfang ist, sprich, wenn er von alleine aus der Höhle wiederauftaucht und somit offen für das Thema ist. Egal ob beruflich oder privat. Und ganz ehrlich, wir Frauen hätten auch die Antennen dazu. Wir haben es nur verlernt, weil wir zu sehr in der männlichen Energie verhaftet sind. Sprich mit dem Kopf durch die Wand und den Dingen und Situationen keinen Raum mehr geben.

Wie wäre es damit: Der Mann geht in seine Höhle. Du schnappst dir deinen Koffer und bereist deine eigene Welt. Mit dem beruhigenden Wissen in dir, die Dinge nehmen im Hintergrund ihren Lauf.

Selena schließt den Bogen zur Kommunikation: „Stimmt. Eigentlich wissen wir das aus der Kommunikation. Um verstanden zu werden muss der andere auf Empfang und auf dem gleichen Sender sein, sonst kommt meine Botschaft nicht an.“

„Mit der eigenen weiblichen Energie wachsen statt nur nach Frau auszusehen.“

Lebhaft tauchen wir beide tiefer in das Thema ein und stellen nüchtern fest, dass unsere Gesellschaft einem permanenten Wahrnehmungsfehler unterliegt und der Oberflächlichkeit zum Opfer fällt. Was wir damit meinen? Gut und gerne glauben wir, dass eine Frau, die optisch sehr nach Frau aussieht, auch von ihrem Wesen her weiblich ist. Aber aufgepasst. Unsere Wahrnehmung kann uns täuschen und hinter einer perfekten Fassade kann sich z. B. eine Queen-Bee verstecken, die nur ihr eigenes Wohl im Sinn hat.

Das Weibliche ist sanft und fürsorglich und eine Frau, die mit ihrer Energie verbunden ist betritt dann die Bühne, wenn die Zeit – sie – dafür reif ist. Der Mann baut die Bühne – im übertragenen Sinne. In der Quintessenz geht es letztendlich darum, beide Pole, das Weibliche (Yin) und Männliche (Yang) in Einklang zu bringen. Haben wir das integriert, treffen Mann und Frau als Einheit aufeinander. Sie können gemeinsam etwas aufbauen und unterstützen sich. Weil jeder um die Qualität des andern weiß und Konkurrenzkampf kein Platz hat. Im Gegenteil, beide Parteien haben begriffen, dass sie sich auf diese Weise nur gegenseitig schwächen würden. Natürlich kann das auch auf zwei Frauen zutreffen, wenn sich beide auf Augenhöhe begegnen.

Wenn du mehr darüber erfahren möchtest:Das Tao der Frau“ von Maitreyi D. Piontek ist ein tolles Manifest, um die eigene Lebendigkeit als Frau zu erforschen.

Selena und ich sind uns einig: Wir dürfen und sollen mehr zu unserer ureigenen Energie stehen, statt ständig in den Schuhen von Männern unterwegs zu sein, was uns kein bisschen weiterbringt. Was uns zu dem Thema Achtsamkeit führt, die wir beide in der Corona-Krise vermissen. Vor allem beim Einkaufen erleben wir beide Situationen, die für Kopfschütteln sorgen.

„Wir haben als Konsumenten keine Toleranz mehr. Uns fehlt die Achtsamkeit – uns und unserer Umwelt gegenüber.“

Ich erzähle Selena von meiner Nebentätigkeit beim DM und wie sich die Menschen gerade verhalten. Selenas treffender Kommentar: „Wir als Konsumenten haben keine Toleranz mehr.“ Das stimmt. Wir, unsere Wohlstandsgesellschaft, sind sehr verwöhnt. Wir sind es gewohnt, dass wir 24 Stunden 7 Tage die Woche alles bekommen. Wir definieren uns über Gegenstände und Gewohnheiten. Gibt es dann plötzlich diese eine Seife nicht mehr im Regal, obwohl es genügend Alternativen gibt, wird der eine oder andere ungehalten und beschwert sich lautstark, wieso das Regal leer ist. (Fußnote: Das Regal war wirklich zu dem Zeitpunkt wieder gut gefüllt, aber die CD-Seife war nicht da, was das Drama der Kundin auslöste).

Das liegt darin begründet, dass Gegenstände und Gewohnheiten zum Ich werden statt zu differenzieren. Sobald dann etwas nicht wie gewohnt vorrätig ist,

Dies liegt darin begründet, dass Gegenstände und Gewohnheiten zum Ich werden, statt klar zu differenzieren, was ist meine Persönlichkeit und was ist Konsum, mit dem ich mein Leben im Außen gestalte. Ist der Konsum zum Ich geworden, wirkt es als Angriff auf die eigenen Persönlichkeit, wenn ein Produkt in der Form nicht mehr verfügbar ist.  Die Sicherheit bekommt einen Kratzer.

Was ein weiterer Nachteil unserer gesellschaftlichen Entwicklung ist: Wir haben den Bezug zu Mutter Erde verloren.

Wir wissen einfach nicht mehr woher unsere Lebensmittel kommen. Was hinter einer Flasche Wein an Arbeit steckt. Hauptsache günstig, schnell verfügbar und wir kommen für 49 Euro nach Mallorca hin und zurück. „Den Preis dafür zahlt ein anderer“, ich kann Selena nur beipflichten. Uns sollte eigentlich schon längst klar sein, dass diese Rechnung nie aufgehen wird. Das Imperium schlägt schließlich zurück!

„Wie geht es für dich weiter?“

„Ganz ehrlich, ich überlege schon seit Beginn der Corona-Home-Office-Phase ob ich zumindest den Gedanken mehr verfolgen sollte, eine eigenen Yoga-Schule zu eröffnen. Ich habe ja die Ausbildung und ich stelle schon fest, dass wir im Joballtag viel zu sehr die Achtsamkeit aus den Augen verlieren. Für einen Moment ist sie wieder im Bewusstsein und dann wieder weg. Aber auch in der Yogabranche ist so viel Konkurrenzdenken verankert, was ich sehr schade finde.“

Ja das stimmt. Unser Kapitalismus und unser Mangeldenken gehen immer davon aus, dass es nicht für alle reicht und Kampf das Mittel ist, statt in die Balance zu gehen, was uns wieder weiter weg vom weiblichen Prinzip führt.

Ich erkundige mich weiter bei ihr, ob sich in den letzten Tagen und Wochen bereits etwas verändert hat . „Ich verpasse nichts mehr.“ Wir beide grinsen. Das stimmt. Jetzt wo wir zu Hause bleiben müssen, haben wir keinen zusätzlichen Freizeitstress mehr.

Wir unterhalten uns noch eine Weile über systemrelevante Jobs und das Handwerk und wie gut es tut, handwerklich tätig zu sein, da man am Ende des Abends sieht, was man erreicht hat und das manche Tätigkeit, z. B. das Streichen, fast schon was meditatives hat, da der Gehirnlooping sich nicht überschlägt wie bei einem geistig lastigen Job.

Plötzlich stellt Selena fest: „Ich habe tatsächlich schon lange nicht mehr über mein MBA Programm nachgedacht.“ Sie erzählt mir, dass sie schon länger darüber nachdenkt, weiter zu studieren und stellte sich bereits bei ein paar Universitäten vor: „Das ist gerade wie weggeblasen.“ Ich muss wieder schmunzeln, denn mir ist genau das selbe vor ein paar Tagen ebenfalls passiert. Aufgrund der Corona-Krise sagte ich vorsichtshalber ein Seminar ab, dass im Juni stattfinden sollte und merkte dabei, dass ich die Weiterbildung im Januar nur buchte, weil ich dachte, dass ich diese noch brauche, um meinen Job als Rednerin noch besser machen zu können.

Es schließt sich der Kreis

Selena hätte es nicht schöner ausdrücken können: „Wir haben alles in uns. All das Wissen die Fähigkeiten. Den eigenen Kompass. Wir haben es einfach verloren und vergessen und suchen in der Ansammlung von Abschlüssen und Zertifikaten unser Glück und das Bedürfnis nach Sicherheit.“

Das Gespräch kommt zum Ende. Wir beide sind uns einig. Die Emanzipation war richtig und wichtig. Doch haben wir in unserer Gesellschaft vergessen, dass das Gleichgewicht zwischen Frau und Mann uns weiterbringt und eine schöpferische Kraft in sich trägt. Gemeinsam. Können wir viel erreichen.

Liebe Selena, hast du einen abschließenden Tipp für all die Frauen, die sich ein selbstbestimmtes Leben aufbauen möchten, wie sie in Ihrer Natur bleiben können?

Was sich wirklich lohnt und was ich empfehlen kann ist, sich seine Stärken bewusst zu machen. Das klingt trivial, ist aber wichtig für ein selbstbestimmtes Leben. Da mir das selbst sehr schwerfällt, habe ich ganz einfach meine 3 besten Freunde inkl. meines Mannes gefragt, mit welchen 3 Themen & Stärken sie mich verbinden – per What’s App! Ich habe sie nach 3 Schlagwörtern gebeten. Es kamen bemerkenswert viele Übereinstimmungen zurück, an die ich gar nicht gedacht habe bzw. die ich für mich nicht als USP (Alleinstellungsmerkmal) auf dem Schirm hatte.

Im Anschluss folgten Gespräche mit diesen Personen und ich fasste mit der Methode Elevator Pitch meine Kernpunkte zusammen. So habe ich gelernt stolz auf das zu sein, wer ich bin und das ist für mich eine Grundlage für ein selbstbestimmtes Leben.

 


Photo by Selena Gabat