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Aber du wusstest es doch schon seit Montag… Deadlines, Alltagswahnsinn und Menschlickeit

Diese Aussage von einem Kooperationspartner traf mich ins Mark. Ja, das stimmt. Ich wusste schon seit Montag, dass die Deadline Donnerstagabend festgelegt war. Ich hatte bei der Zusage bloß nicht auf dem Zettel, dass am Donnerstag Feiertag war und war zwischen zwei Telefonaten, als ich zusagte, vier Webinar-Drehbücher zu neuen Themen zu erstellen. Und dann sind da auch noch Mann und Tochter – und die Umstände der Corona Pandemie.

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Ich bin zuverlässig vs auch ich vergesse mal einen Termin?

Ich bin seit vielen Jahren selbstständig. Ich bin zuverlässig und strukturiert, schnell, habe zwar immer einen vollen Kalender, plane die Dinge aber so, dass ich sie schaffe und einhalten kann. Normalerweise.

Aber im Moment ist eben nicht normal. Seit 12 Wochen ist meine vierjährige Tochter zu Hause. Seit zwei Wochen darf sie für drei bis vier Stunden an zwei Nachmittagen die Woche in die Kita. Mein Mann ist im Homeoffice. Wir teilen uns auf. 4 Stunden er die Kleine, 4 Stunden ich. Das heißt vier Stunden am Tag kann ich, dank meines externen Büros, in Ruhe arbeiten. Maximal, denn kommen Arzttermine oder ich lasse mich coachen, fällt das auch in die Zeit. Ja, ich liebe meine Tochter. Das stelle ich hier nicht zur Diskussion. Und ja, ich habe auch an einigen Punkten wirklich Gefallen gefunden, mit ihr mehr Zeit zu haben.

Aber ich liebe auch meine Jobs in ihrer Vielfalt, Buntheit und mit meiner Flexibilität.

Und nun das

Unser gemeinsamer Kunde hatte die ersten vorgeschlagenen Termine verpasst. Nun musste alles ganz schnell gehen. Über Ostern hatte ich auch schon eine Deadline. Es heißt doch auch selbstständig = selbst und ständig, oder?

Als ich an dem Montagnachmittag die Zusage machte, hatte ich nicht im Blick, dass ich den ganzen Dienstagnachmittag ein Strategiemeeting habe und den ganzen Mittwochvormittag selber einen Coachingtermin und abends noch einen Livestream als Gast in einer Talkshow.

Aber Donnerstag war doch Feiertag. Da hatte ich doch keine Termine?

Ja genau, aber da war eben auch Familienzeit.

„Call“ und „Telko“ im Wortschatz einer vierjährigen

Dadurch, dass ich mein externes Büro habe und dadurch in meiner Zeit konzentriert arbeiten kann, versuche ich möglichst wenig Arbeit zu erledigen, wenn ich Tochterzeit habe. Klar, das geht im Moment einfach manchmal nicht anders. Meine Tochter weiß mittlerweile auch, wie man die Avatare im 3D-Raum bedienen kann und fragt, ob sie dort wieder Fahrstuhl fahren darf, wenn ich ein E-Training vorbereite und dies noch morgens zu Hause mache.

Mein Mann hat ganz viele Calls eben zu Hause. Ich finde es erstaunlich, aber auch erschreckend, dass meine Tochter solche Worte wie „Calls“, „Telko“ und „Meetings“ schon so verinnerlicht hat, dass sie immer wieder fragt: „Hast du einen Call?“.

Natürlich möchte ich meiner Tochter vorleben, dass mein Job Spaß macht. Aber ich möchte ihr eben auch vorleben, dass ein Feiertag ein freier Tag ist.

Abgesehen davon möchte meine Vierjährige auch noch bespaßt werden. Doktor spielen, Bügelperlen, Spielplatz (seit kurzem wieder) und nach draußen gehen überhaupt, stehen bei uns an der Tagesordnung. Und dann bin ich abends einfach auch mal kaputt!

Und so merkte ich am Donnerstag um 18:00 Uhr, dass es mir sehr schwerfallen würde, diese Deadline zu halten. Und ich hinterfragte für mich auch vorsichtig, wie viele Kunden denn überhaupt an dem Brückentag arbeiten würden, so dass das entscheidend ist, dass es Freitagmorgen auf dem Tisch der Kundin liegt.

Ich schrieb meinem Kooperationspartner, ob es denkbar wäre, die Deadline auf den nächsten Morgen 10:00 Uhr zu verschieben. Ich würde mich einfach um sechs Uhr bereits an den Rechner setzen und nach dem Frühstück ins Büro gehen und dort mit freiem Kopf und in Ruhe arbeiten können.

„Wenn das eine Option wäre, hätte ich sie dir gegeben. Du weißt es doch schon seit Montag…“, kam per Nachricht zurück. Der Smiley dahinter war ein nachdenklicher Smiley.

Bin ich unzuverlässig geworden?

Mich traf es zutiefst. Es fällt mir eh schon schwer, Deadlines nicht einzuhalten. Ich brenne für meine Themen, ich habe Spaß daran. Allein diese Frage zu stellen, habe ich den ganzen Tag vor mich hingeschoben, weil ich gehofft hatte, doch noch ein freies Zeitfenster zu finden. Aber wir waren als Familie unterwegs, bei schönstem Wetter, wir hatten Spaß und viel Sonne und ich war einfach müde.

Verdammt noch Mal. Es ist eine Zeit, in der wir alle, besonders die mit (kleinen) Kindern zu Hause, anders ticken, als wir es vorher konnten.

Das musste ich lernen. Das lerne ich noch immer.

Ich legte eine Abendschicht ein. Um zehn schickte ich ihm die fertigen Seminar-Drehbücher, nachdem ich meine Tochter ins Bett gebracht hatte, denn mein Mann war an diesem Abend geplant nicht da. Ich hatte mich schon auf einen Abend mit einem Schnulzenfilm gefreut. Der muss jetzt immer noch warten.

Was sind meine Learnings?

Nein, ich bin nicht unzuverlässig geworden. Sondern ich darf auch Grenzen setzen. Das passiert mir so nicht mehr. Versteh mich nicht falsch, ich bin dankbar für jeden bezahlten Job, den ich gerade machen kann. Aber nicht mehr um jeden Preis.

Ich stehe in Zukunft wieder mehr für mich ein. Ich nehme mir bei einer solchen Anfrage einen Moment und sage, ich rufe Dich nachher oder besser morgen zurück. Und dann kann ich abschätzen, ob die Deadline machbar ist und wenn nicht, dann geht es halt nicht. Meine Familie hat an solchen Tagen Vorrang. Jobbedingt bin ich oft genug am Wochenende unterwegs gewesen und werde es sicher auch irgendwann wieder sein. Aber wenn es nicht sein muss, muss es nicht sein, besonders nicht an Feiertagen.

Qualität und Selbstfürsorge gehen vor

Ich möchte nach wie vor meine Sachen qualitativ hochwertig abliefern. So sind mir zwei Flüchtigkeitsfehler unterlaufen. Ich war einfach müde. Und Müdigkeit ist kein guter Berater. Also lieber einen Tag mehr einplanen, auch in diesen Zeiten, an dem ich das Konzeptionierte nochmal durchdenken kann und auf Rechtschreibung prüfen kann.

Nein, ich möchte keine Kunden verlieren. Ich möchte, dass sie mir weiter vertrauen, dass ich gute Arbeit schnell und effektiv abliefern kann. Wer weiß, vielleicht tickt die Welt ja auch irgendwann wieder anders.

Ab nächster Woche darf meine Tochter wieder zwei volle Tage in die Kita. Dann habe ich ja wieder etwas mehr Arbeitszeit. Umso wichtiger, dass die Feiertage freie Tage bleiben!

 

 


Photo by Ruslan Bardash on Unsplash