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Interview mit Katharina Wendt von Seelennebel zum Thema Selbstfürsorge und Trauerbewältigung nach einem Suizid in der Familie

Katharina Wendt von Seelennebel möchte mit einem Tabu brechen und offen über das Thema Suizid in der Familie sprechen. Denn jedes Jahr sterben in Deutschland rund 10.000 Menschen an Suizid. Dass ihr Vater einer von Ihnen sein würde, hätte sie bis zu diesem einen Anruf im September 2018 niemals gedacht. Nach einer schwierigen Zeit und einem langen Prozess das Geschehene irgendwie verstehen zu wollen, hat sie sich dazu entschieden, offen über dieses Thema zu sprechen. Ihre Vision ist es, dass das Thema Suizid nicht länger ein Tabu ist, dass Suizidhinterbliebene nicht mehr mit Stigmatisierung zu kämpfen haben und offen über psychische Erkrankungen gesprochen wird. Dazu schreibt sie über ihre Erfahrungen und Empfindungen und spricht offen mit anderen Menschen über das Thema.

Um Angehörige und Betroffene auf dem Weg zu unterstützen hat mich Katharina daher zum Thema Selbstfürsorge und Trauerbewältigung interviewt. Die Interview-Fragen, die sie mir gestellt hat und meine Antworten, könnt ihr hier lesen:

Heute spreche ich mit Dr. Ann-Kathrin Richarz. Ann-Kathrin ist Mentaler Gesundheitscoach.

Liebe Ann-Kathrin, erst einmal herzlichen willkommen. Erzähle uns doch zunächst, was wir uns unter einem Mentalen Gesundheitscoach vorstellen können?

Vielen Dank auch erstmal für die Einladung liebe Katharina. Ich freue mich sehr darüber.

Hinter dem mentalen Gesundheitscoach stecken zwei Professionen. Ich bin Heilpraktikerin und begeistert von modernen Coaching-Methoden. Das eine schließt das andere nicht aus, aber mir war es wichtig dies auch in meiner Berufsbezeichnung auszudrücken.
Als mentaler Gesundheitscoach unterstütze ich meine Klienten und Klientinnen dabei ihre Themen an der Wurzel zu lösen. Dabei sind auch körperliche Themen, gerade wenn Sie stressbedingt sind, oft auf mentaler Ebene zu lösen.

Vielleicht ein Beispiel zur Veranschaulichung:
Ich erlebe es häufig, dass Menschen im privaten oder beruflichen Umfeld sehr lange Umstände tolerieren, obwohl sie nicht zufrieden sind und es ihnen nicht gut geht. Auf lange Sicht macht das oft eine Menge Stress im System. Dies spiegelt sich dann meist auch körperlich wieder. Verspannungen, Kopfschmerzen und Magen-Darm-Beschwerden treten dann zum Beispiel verstärkt auf. Dies ist dann meist der Punkt an dem viele beschließen etwas zu verändern. Und dann begleite ich diese Menschen gerne durch ihre Veränderungsprozesse. Häufig kommt dann auch zum Vorschein, dass sie sich generell zum Beispiel schwer damit tun gut für sich einzustehen.
Dabei arbeite ich am liebsten über das Unterbewusstsein mit wingwave und Hypnose.

Nach dem Suizid meines Vaters ging es mir nicht nur psychisch sondern auch körperlich nicht gut. Ich litt unter Schlafstörungen und der Stress schlug mir auf den Magen. Erlebst du das häufig und hast du einen Tipp, wie man damit umgehen kann?

Ja, absolut. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass sich psychisch belastendende Situationen bei meinen Klienten und Klientinnen nicht auch körperlich bemerkbar gemacht haben.

Ich denke es ist wichtig die Signale des Körpers ernst zu nehmen. Ich bin sehr dankbar für die Möglichkeiten der Schulmedizin. Aber wenn zum Beispiel ein Job, in dem man auf dem Zahnfleisch geht dazu führt, dass es einem schlecht geht und man deswegen zum Beispiel Schmerzmedikamente nimmt, ist das langfristig natürlich nicht die beste Lösung.
Man muss dabei natürlich auch unterscheiden, ob die Symptome wirklich eine psychische Relevanz haben und es daher immer schulmedizinisch abklären lassen.
Meist ahnen meine Klienten und Klientinnen aber schon, dass zum Beispiel hinter den Nackenschmerzen ein bestimmter Stress aus dem Leben steckt. Wenn man sich unsicher ist, kann man dafür zum Beispiel ein Tagebuch führen und schauen, ob Schmerzen zum Beispiel immer zu einem bestimmten Zeitpunkt auftreten.
Ich durfte es schon häufig erleben, dass sich die Symptome verabschieden, sobald wir uns in den Coachings auf den Weg machen und die Veränderungsprozesse durch die Klienten und Klientinnen angestoßen werden. Und langfristig ist man vielleicht sogar dankbar, dass einem der Körper signalisiert hat, dass das Fass voll ist.

Eine Trauersituation, vor allem auch nach so einem schweren Schicksalsschlag wie einem Suizid durch einen nahestehenden Menschen, ist sehr belastend. Hast du Tipps, was man als Hinterbliebener in solch einer Situation machen kann, um wieder etwas mehr zu sich selbst zu kommen?

Ich denke es ist wichtig liebevoll mit sich zu sein und individuell zu schauen, was hilft und gut tut. Es gibt ja immer verschiedene Phasen in denen man steckt. Daher mag dem einen ein wenig Ablenkung nicht schaden und der andere brauch vielleicht mehr Zeit für die Trauer.
Meist ist es eine Menge, was Körper und Geist da zu bewältigen haben und sollte nicht unterschätzt werden. Da wir dann auf Hochtouren laufen, auch wenn wir es auf der Verstands-/ Bewusstseinsebene vielleicht gar nicht so mitbekommen, ist es wichtig die überschüssige Energie loszuwerden. Da hilft schon ein Spaziergang oder eine andere Form der Bewegung.

Ansonsten ist es auch wichtig sich Unterstützung zu suchen oder Hilfe von außen anzunehmen. Es hat nichts mit Schwäche zu tun. Man muss aber nicht immer stark sein und alles alleine schaffen. Gerade in so einer Ausnahmesituation muss man da wirklich nicht alleine durch. Dabei denke ich an eine Psychotherapie oder Gruppen mit Menschen, die ähnliches erlebt haben.

Möchtest du den Trauernden noch etwas mit auf den Weg geben?

Ich muss an der Stelle sagen, dass ich einen Suizid nicht in unmittelbarer Familiennähe erlebt habe. Daher will ich mir auch nicht anmaßen zu sagen, was ich denke für Betroffene am besten ist.

Aber aus meiner beruflichen Erfahrung heraus gerade in Bezug auf Trauersituationen ist es sehr wichtig, dass die Emotionen verarbeitet werden. Sei es die Trauer, aber auch Gefühle wie Wut, oder Angst. Vielleicht kann dafür auch ein Ritual geschaffen werden oder ein Ort zu dem man immer gehen kann wann immer einem danach ist. Viele finden auch in der Kunst, im Sport oder im Schreiben einen guten Weg um mit den Gedanken und Gefühlen umzugehen. Und dabei darf alles in dem Tempo erfolgen, das eben nötig ist. Da gibt es kein richtig und falsch.

Falls Freunde und Bekannte helfen wollen, aber man nicht das Gefühl hat offen sprechen zu können, empfehle ich immer den Kontakt zu professionellen und außenstehenden Personen. Freunden und Bekannten sollte man kommunizieren, was man braucht. Das macht auch den Umgang mit dem Umfeld für einen selbst leichter. Aber auch für die anderen. Denn ich kann mir vorstellen, dass viele helfen wollen, aber nicht wissen wie und froh sind, wenn sie wissen wie sie sich verhalten können.

Ein anderer Faktor ist sicherlich Zeit. Sich erlauben damit so umzugehen wie es für einen selbst stimmig ist. Und sich dabei erlauben gut für sich zu sorgen. Ich beobachte oft, dass Menschen es sich selbst nicht so richtig erlauben oder zugestehen auch Gutes für sich selbst zu tun.

Liebe Ann-Kathrin, ich danke dir sehr für die vielen Tipps. Diese Tipps sind natürlich individuelle und man muss dabei immer schauen, was zu einem selbst passt und was einem gut tut. Es war sehr spannend einen Einblick in deine Arbeit zu erhalten. Ich danke dir sehr für das offene Gespräch.

 

Schaut auch gerne mal auf dem Blog und der Seite Seelennebel von Katharina vorbei https://www.seelennebel.de/blog/ . Zusammen können wir durch Kommunikation mit dem Tabu brechen und betroffene Angehörige dadurch unterstützen. Auf ihrer Seite könnt ihr das Interview außerdem auch als Video anschauen https://www.seelennebel.de/interviews/.